Als in Köln die Synagogen brannten

Bild der 44. Woche - 4. November bis 10. November 2013

Tefillin-Kapsel
Gegend von Köln, vermutlich 18. Jahrhundert
schwarzes Leder; Pergament, Kapsel H: 2,3 cm, B: 3 cm, T: 2 cm, Pergament-Abschnitte (nicht abgebildet): H: 1,1 cm, B: 17,8 / 17,5 / 9,6 / 20,1 cm, Kölnisches Stadtmuseum, Inv.-Nr. 1966/178

Von Bedeutung ist bei diesem sehr kleinen Objekt der Umstand, wann und wo es gefunden wurde: Diese Tefillin-Kapsel wurde nach Angabe des Schenkers am 10. November 1938 in der Kölner Synagoge in der Glockengasse gefunden.

Tefillin – Gebetsriemen und -kapseln – befestigt ein Gläubiger und mit zunehmender Emanzipation auch eine Gläubige gemäß dem biblischen Gebot mit schmalen Riemen an (linkem) Arm und Kopf, wenn er oder sie an Wochentagen das Morgengebet spricht. In den Fächern des Kubus finden sich vier Pergamentstreifen mit den vier Abschnitten aus der Tora, den fünf Bücher Moses: Ex. 13,1–10; 13,11–16; Dtn. 6,4–9; 11,13–21. Bei dieser Tefillin-Kaspel sind die Buchstaben in hebräischer Quadratschrift mit brauner Tinte an einer markierten Linierung geschrieben. Auf zwei Seiten des Kubus findet sich der hebräische Buchstabe Schin als Abkürzung für den Gottesnamen. Die Lederbänder sind zerfallen und nicht mehr vorhanden.

Die Entstehung dieser Kapsel wurde in das Köln des 18. Jahrhunderts verortet. Es erscheint aber unwahrscheinlich, dass man in der intoleranten Atmosphäre Kölns während des Ancien régimes Tefillin-Kapseln oder hebräische Schriften herstellte (z. B. BdW 2001/10).

Da wäre schon eher an Deutz oder Mülheim/Rh. zu denken, wo es jüdische Gemeinden gab. Dieses kleine Objekt jüdisch-rheinischer Geschichte gelangte vielleicht nach Niederlegung der Deutzer Synagoge in den 1880er Jahren in die Obhut der Synagoge in der Glockengasse. Es ging vermutlich verloren, als religiöse Objekte von Gläubigen aus der brennenden Synagoge gerettet und auf dem jüdischen Friedhof in Bocklemünd vergraben wurden. Heute werden diese kostbaren Relikte in der Synagoge in der Roonstraße gezeigt.

In Köln hatte es seit 1424, als alle Juden aus der Stadt vertrieben wurden, bis zum Ende der Reichsstadt keine Synagoge mehr gegeben. Erst die Eingliederung in das französische Staatswesen 1797 führte auch in Köln die Religions- und damit die Niederlassungsfreiheit für alle Nichtkatholiken ein. 1801 schlossen sich in Köln siebzehn jüdische Familienväter zu einer Gemeinde zusammen. Eine erste, sehr bescheidene Synagoge konnten sie dank der finanziellen Unterstützung des soeben aus Bonn zugezogenen Bankiers Salomon Oppenheim auf einem kleinen Grundstück des säkularisierten Klarissenklosters Maria-Tempel in der Glockengasse einrichten. Bis zur Jahrhundertmitte wuchs die jüdische Gemeinde kräftig an, so dass eine größere und auch repräsentativere Synagoge dringend nötig wurde. Aber erst das Angebot des Bankiers Abraham von Oppenheims, „eine der Stadt Köln würdige Synagoge auf seine alleinigen Kosten erbauen zu lassen, um sie der Gemeinde als Geschenk zu übergeben“, machte einen Neubau möglich. Als Planungsarchitekten konnte Oppenheim den (protestantischen) Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner gewinnen, der eine Synagoge im maurisch-neoislamischen Stil entwarf, die am 29. August 1861 feierlich mit einer großen Festgemeinde eingeweiht wurde. (Abb. s. BdW 2011/35 und BdW 1998/46).

Der Neubau signalisierte auch die starke Identifikation der Kölner Juden mit ihrer rheinischen Heimat. Während des Ersten Weltkrieges wurde die Kupferabdeckung der Kuppel demontiert und von der Gemeinde als freiwillige Edelmetallspende abgeliefert. In den 1920er Jahren zeigten sich erste bauliche Mängel. Da viele Gemeindemitglieder in die Neustadt und zur dortigen Synagoge abgewandert waren, erwog die Gemeinde einen Verkauf der Synagoge.
Aber während des Novemberpogroms wurde die Synagoge am 10. November 1938 durch Brandstiftung bis auf die Grundmauern zerstört. Die Reste mussten auf Anweisung der Bezirksregierung abgetragen werden. Das Trümmergrundstück gelangte 1943 in den Besitz der Stadt Köln.
Auf einem Teil des Synagogengrundstücks erhebt sich heute das Opernhaus. Fundamente des Sakralbaus, möglicherweise auch die luxuriös ausgestattete Mikwe, sind unter dem Offenbachplatz erhalten.

R. Wagner