Bei den "Mandschus"

Bild der 38. Woche - 23. September bis 29. September 2013

Gewand (chenyi) für eine Mandschu-Dame Seide, Länge 139 cm, Breite 142 cm, Weite 83 cm, Qing-Dynastie, Guangxu-Ära (1875 – 1908), Ende 19. Jh. Museum für Ostasiatische Kunst, Inv. Nr. L 2003,2 Stiftung Andreas Wilhelm

Frieda Fischer, Fotografien 1906 links: Die Frau des Generals mit ihren Söhnen rechts: Die Nebenfrau des Generals an einem Tisch sitzend

Frieda Fischer (1874-1945), die mit ihrem Mann das Kölner Museum für Ostasiatische Kunst gründete und als Direktorin leitete, unternahm 1906 eine Chinareise, über die sie ausführlich Tagebuch führte, und die sie in Fotoaufnahmen festhielt. Zu dem hier gezeigten „Gewand (chenyi) für eine Mandschu-Dame – dazu unten mehr – paßt folgender Eintrag, in dem sie den Besuch bei einem Mandschu-General schildert:

„Tsing-chu-fu, 25. Oktober 1906 Vor dem Eingangstor eines sehr gut gehaltenen Yamen stehen alte Lanzen. Bogen und Köcher hängen zu beiden Seiten des mit Kriegsgöttern in bunten Farben bemalten Tores. Reiter in phantastischen Uniformen tummeln davor ihre Rosse. Regelrechte Truppen mit Gewehren ältesten Kalibers bilden Spalier. Wen-shui ist erst vor dreiviertel Jahren von der Mongolei hierher versetzt worden. Er steht überzeugt auf dem Boden der chinesischen Kultur, liebäugelt aber doch schon mit der europäischen. Er unterhält freundliche Beziehungen zu Tsingtau, ja, in den vier Schulen seiner Mandschustadt wird deutsche Sprache gelehrt. Der General zeigte uns alle Einrichtungen seines Militärlagers, auch die hübschen Quartiere der Soldaten und ihrer Familien. Diener schritten vor uns her, vertrieben die Hunderte von Neugierigen und hauten mit langen Peitschen drein, sobald sich einer in unsere Nähe wagte. Während Adolf Fischer mit dem General die Parade der gut gedrillten Truppen auf dem weiten Exerzierplatz abnahm, folgte ich der Einladung der Dame des Hauses. In den gepflasterten Höfen, die zu den Frauengemächern führen, standen in Reih und Glied gepflegte Topfpflanzen. Die Wohnräume waren blitzsauber, Stühle und Tische standen wohlgeordnet an den Wänden. Liebenswürdig wurde ich mit Tee, Kuchen und Obst bewirtet. Jeder der atemlos dem Gespräch Lauschenden führte mir eigenhändig die Bissen zum Munde. Als ich die Herrin des Hauses bat, mir zu vergönnen, daß ich sie und ihre Söhne als Erinnerung im Bilde festhalte, willigte sie gerne ein, doch unter der Bedingung, daß sie sich erst ihr hellblaues Staatskleid anlege und schönere Blumen ins Haar stecke [s. kleines Bild]. Ihre hübsche Hauptdienerin (oder Nebenfrau?), deren fröhliches, schalkhaftes Wesen mir besonders gefiel, hatte ein anderes Anliegen. Sie bat, daß man einen Tisch vor sie stelle. Weshalb? Sie ist Chinesin und hat als solche verkrüppelte Füße, deren sie sich in der Mandschuumgebung schämt [s. kleines Bild].“ (aus: Frieda Fischer, Chinesisches Tagebuch, München, 1942, S. 132 f.)

Diese unter Verwendung von Chemiefarben türkis gefärbte Robe gehörte zur Alltagskleidung der adligen Mandschu-Damen am Hofe der Kaiserinwitwe Cixi. Der helle Stoff ist symmetrisch mit großen blühenden Zweigen, darunter Päonien und Zucht-Chrysanthemen mit langen Blütenblättern sowie Orchideen und flatternde Schmetterlinge, bestickt. Um den Halsausschnitt und entlang des unter die rechte Achsel laufenden Verschlusses, sowie an den Ärmeln und am Saum ist eine Borte appliziert mit blühenden Orchideen, Chrysanthemen, Pflaumenzweige, Bambus und ebenfalls Schmetterlingen. Parallel hierzu ist eine pinkfarbene Borte aufgenäht. War der hohe Stehkragen für die Zeit der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert charakteristisch, so stellen die zusätzlichen Ärmel, die an der Ärmelnaht festgeheftet sind, eine Besonderheit dieses Gewandes dar. Sie sind von innen nach außen in verschiedenen Seiden immer weiter und kürzer geschnitten. Vermutlich wollte man durch die eingesetzten Ärmel zahlreiche Gewandlagen vortäuschen, um der Robe mehr Pracht zu verleihen.

B. CleverW. Brix