Unter Krahnenbäumen

Bild der 35. Woche - 2. bis 8. September 2013

Chargesheimer, Nach der Prozession, 25 x 42,9 cm, Köln, Museum Ludwig, ML/F 1981/0358, publiziert in: Unter Krahnenbäume, Köln 1958 (Nachwort: Heinrich Böll, Greven Verlag)
Chargesheimer, Straßenschild Unter Krahnenbäumen, Titelbild zum gleichnamigen Fotobuch: Unter Krahnenbäume, Köln 1958 (Nachwort: Heinrich Böll, Greven Verlag)

Vor 55 Jahren, am 06. September 1958, rückte die Publikation eines kleinformatigen, schmalen Fotobuchs im Greven-Verlag die Straße "Unter Krahnenbäumen" aus dem Kölner Kunibäatsveedel endgültig in den Fokus der Öffentlichkeit. Im frühen 20. Jahrhundert bereits vom Kölner Mundartsänger Willi Ostermann in „Kinddauf Fäss unger Krahnebäume” besungen, war die Straße in der Nachkriegszeit keine gänzlich Unbekannte mehr. Wohl 1951 bot sie gleich zwei Kölner Fotografen - Hermann Claasen und Chargesheimer - motivische Anreize. Während Claasens Bilder auf Jahre hinaus in der Schublade verschwanden, machten die atmosphärisch dichten Fotos von Chargesheimer in dem Buch „Unter Krahnenbäumen“, versehen mit dem Nachwort „Straßen wie diese“ des in Köln lebenden Schriftstellers Heinrich Böll, die Straße berühmt. Es ist keine schöne Straße. Die Häuser sind alt und grau, ihre Fassaden abgenutzt, Baulücken sind notdürftig mit Brettern verschlagen. Dafür kommt uns auf dem alten Straßenpflaster in Gestik und Mimik das pralle Spektrum menschlichen Lebens in all seinen Facetten von Liebe, Hass, Glück, Leidenschaft, Tragik, Trauer und sinnlicher Lebensfreude entgegen. Chargesheimer kam mit seiner Kamera unmittelbar an die Menschen heran. Ein Jahr lang lebte er mit und unter ihnen, war Teil und zugleich liebevoller Zeuge unzähliger Begebenheiten. Er hielt die Kinder in ihren Straßenspielen fest, die Heranwachsenden bei Tanz und ersten Flirts, nachts die eng umschlungenen Verliebten. Er bannte die Alltagssorgen und Freuden der Erwachsenen auf Zelluloid, beobachtete sie bei ausgelassenen Festen, der Kirmes, bei Prozessionen und zeigte die Alten ihn ihrer Einsamkeit. Es entstanden eindringliche, schonungslos offene Bilder, die aber nie die Würde der abgelichteten Menschen verletzten. Das Fotobuch war fast ein melancholischer Abgesang auf eine im Vergehen begriffene städtische Lebenswelt, geprägt von Nähe und nachbarschaftlichem Miteinander. Nur wenige Jahre nach diesen Aufnahmen ging der Charakter der Straße wie des gesamten Veedels unwiederbringlich verloren. Schuld daran war der Bau der Nord-Südfahrt (Mitte1950//1972), einer mehrspurigen durch die Altstadt geführten Schnellstraße, die im Bereich der Turiner Straße auch "Unter Krahnenbäumen" in zwei Teile zerriss. Dass das einst dort heftig pulsierende Leben nicht in Vergessenheit geriet, verdanken wir u. a. dem Kölner Fotografen Eusebius Wirdeier, der 1998 und 2007 das wohl intimste Fotobuch Chargesheimers als Vintage print erneut auf den Markt brachte. 2004 widmete er dem Buch dann eine eigene Ausstellung, die er großteils mit Originalabzügen aus den Beständen der Photographischen Sammlung des Museums Ludwig bestückte. Die Ausstellung fand in den Räumen der Firma des Mediendienstleisters Sander, Unter Krahnenbäumen 9, statt. Damit kehrten die Fotos vorübergehend an den Ort ihrer Entstehung zurück. Zahlreiche Menschen kamen zur Ausstellungseröffnung, die in Bild, Wort und Ton die Vergangenheit heraufbeschwor. Zusammen mit ehemaligen Bewohnern der Straße hörten sie auch den eigens zu diesem Anlass von Wolfgang Niedecken, Frontmann der Kölschrockgruppe BAP komponierten Song „Unger Krahnebäume“. Dieses Objekt in www.kulturelles-erbe-koeln.de

E. Bertram-Neunzig