Bewegte Begegnung

Bild der 34. Woche - 26. August bis 1. September 2013

Wassily Kandinsky, Reiter am Strand, um 1911, Aquarell, 31 x 48 cm, Köln, Museum Ludwig, ML/Z 1951/41.

Eine starke Dynamik prägt dieses Aquarell von Wassily Kandinsky. Zwei Reiter scheinen gerade aneinander vorbeigeritten zu sein. Das rechte Pferd steigt und schlägt mit den Vorderhufen. Hat sein Reiter es aus vollem Galopp zum Halten gebracht? Beide Reiter wenden sich einander zu. Das dynamische Auseinanderstreben der Pferde bekommt in dieser Geste eine kompositorische Gegenbewegung. Darüber hinaus ist die Körpersprache der beiden Personen gegensätzlich. Der linke Reiter wendet sich zurückblickend dem rechten zu. Dieser wiederum sitzt gerade im Sattel und wirkt – auch durch seine angedeutete Uniform – autoritär. Mit wenigen Strichen und Flecken erzeugt Kandinsky in diesem Aquarell eine spannungsvolle Stimmung, die den Betrachter über die Situation spekulieren lässt. Die umherwirbelnden Farbflecke lassen die Landschaft unsicher erscheinen. Man sieht nicht, wo das Meer beginnt und das Land aufhört. Ist der rote Himmel symbolisch zu verstehen? Zeigt Kandinsky hier in der Begegnung der Reiter das Auftreten der Staatsmacht? Welche Bedeutung hat das Schiff, welches formal ein großes Gewicht ins Bild setzt? Das Blatt Reiter am Strand hat Wassily Kandinsky vermutlich um 1911 geschaffen. Kurz darauf erschien sein Buch Über das Geistige in der Kunst und er gründete gemeinsam mit Klee, Marc und Macke den Blauen Reiter. So figurativ vieles in diesem Aquarell erscheinen mag, Kandinsky wird es eher darum gegangen sein, „Eindrücke von der inneren Natur“ wiederzugeben, das Dargestellte seinen Empfindungen anzupassen. Das vormals als Sinnbild einer romantischen Sehnsucht zu deutende Motiv der "Reiter am Strand" wird hier in Chiffren umgesetzt. Wie hier in der sich auflösenden Landschaft zu sehen, setzte sich Kandinsky für eine konsequente Entmaterialisierung ein. Wegweisend ist für ihn dabei Arnold Schönbergs Verzicht „auf die gewohnte Schönheit“ zugunsten der Erzeugung von „Seelenvibrationen“.

T. Nagel