Modischer "Vor-Hang"

Bild der 40. Woche - 7. Oktober bis 13. Oktober 2013

Antependium, Nürnberg, um 1470
Leinen, Wolle, Goldlahn,
75 x 220 cm
Museum Schnütgen, Köln, N 1409

links: Grablegung Christi, Köln um 1450/60, 25,6 x 24,3 cm Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud, WRM 101 rechts: Detail aus Stefan Lochner, Madonna in der Rosenlaube, um 1450 Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud, WRM 67

"Textiliensammlung" – wer diesen Sammlungsbereich des Museums für Angewandte Kunst in Köln (s. z. B. Bild der Woche 41/2003) kennt, bekommt vermutlich Zweifel, wenn er diese Sammlungsbezeichnung im Zusammenhang mit dem Museum Schnütgen hört und zugleich an Haute Couture denkt. Er tut gut daran, denn eine zweite Kostüm-Sammlung in einem der Stadtkölnischen Museen ist zumindest unwahrscheinlich. In der Tat gehören zur Textiliensammlung des Museum Schnütgen nicht weltliche, sondern kirchliche bzw. liturgische Textilien, also Meßgewänder, Stolen, Antependien, Kissen, erlesene Stoffe, Stickereien uam. (s. BdW 15/2002 und 17/2004). Diese stehen der weltlichen Kleidung an Kostbarkeit in keiner Weise nach, auch das Element der Mode kommt hier nicht zu kurz. Darüber hinaus sind die Objekte dieser Sammlung jedoch oft wesentlich älter.

Dieses Bild der Woche zeigt aus dem Bestand des Museums Schnütgen ein sogenanntes Antependium, das etwa um 1470 in Nürnberg hergestellt worden ist. Es handelt sich hierbei um einen in Wolle gewebten "Teppich", welcher dazu bestimmt war, vor ("ante") die Mensa des Altares gehängt ("pendere") zu werden, also vor den Teil des Altares, der sich unterhalb der Altarplatte befindet. Das Antependium diente somit als Verkleidung der Vorderseite des Altares. Da das Antependium oft nicht den Hauptschmuck des Altares darstellte, ist es in seiner künstlerischen Gestaltung zumeist zurückhaltend. Unser Antependium besitzt drei figürliche Darstellungen, links den Apostel Paulus, in der Mitte Maria mit Kind im Strahlenkranz und rechts den Apostel Petrus. Hauptsächlich geprägt wird es jedoch von den gleichmäßigen, "unendlichen" Reihen der mit Sternen besetzten Wolkenbändern. Mit diesem dekorativen Hintergrund werden zwei Motive aufgegriffen und kombiniert, die auch in der Malerei des 15. Jahrhunderts beliebt und oft vertreten sind (s. kleines Bild). Die Verbindung von Wolkenband und Sternen symbolisieren die unendliche Weite des Firmaments, den himmlischen Raum. Stilistisch kann man den Teppich dem Dominikanerinnenkonvent St. Katharina in Nürnberg zuordnen. Das heißt, er wird in diesem Kloster von den Nonnen ausgeführt und vermutlich auch entworfen worden sein. Die am unteren Rand eingetragenen Initialen FPP konnten bisher noch keiner Ordensschwester zugeordnet werden.
Lange Zeit wurde vermutet, daß dieses Antependium aus einer Kölner Kirche stammt, zumal die Motive des Hintergrundes – wie das Vergleichsbild zeigt – auch in Köln zu finden sind. Die stilistische Zuschreibung an einen Nürnberger Konvent und die Darstellung der beiden Apostel Petrus und Paulus legen nun jedoch den Schluß nahe, daß dieses Werk für den 1235 gegründeten Dominikanerinnenkonvent St. Peter und Paul in Altenhohenau bei Rosenheim angefertigt wurde. Das Museum Schnütgen erwarb das Antependium 1960 in der Schweiz.

T. Nagel