Blick aufs Meer!

Bild der 39. Woche - 30. September bis 6. Oktober 2013

Max Beckmann, Meeresstrand (Mauvefarbenes Meer), 1935
Öl auf Leinwand, 65,5 x 95,5 cm
Köln, Museum Ludwig, ML 76/3018

Viele Künstler des Expressionismus ließen sich Anfang des 20. Jahrhunderts von der Natur und insbesondere dem Meer faszinieren. So auch Max Beckmann: „Und dann an das Meer, meine alte Freundin, zu lang schon war ich nicht bei dir. Du wirbelnde Unendlichkeit mit deinem spitzenbesäten Kleide. Ach, wie schwoll mein Herz. Und diese Einsamkeit“ (1915). Bereits 1902 entstand eine erste Serie von Meeres- und Strandlandschaften. Ihr folgen weitere, in mehr als hundert Bildern zeigt er die See und den Strand in unterschiedlichen Facetten.

Nach einem Aufenthalt in Zandvoort im Sommer 1935 entstand das Bild, das Beckmann als „mauvefarbenes Meer“ in seine Bildliste eingetragen hat. Mit einer reduzierten Farbpalette ist hier das sich zurückziehende Meer bei Ebbe dargestellt. Der Himmel nimmt mehr als die Hälfte des Bildes ein. Ihn beherrscht eine mauvefarbene Wolkenformation, die sich vor die tief stehende Sonne geschoben hat. Nicht Zeichnungen und Skizzen galten ihm als Vorlage, sondern private Fotos und gesammelte Postkarten. Im Nachlass des Künstlers befindet sich eine Ansichtskarte von Zandvoort, die eine solche Strandszene zeigt. Ein Vergleich des Gemäldes mit der s/w Postkarte macht deutlich, dass Beckmann das Motiv der Meereslandschaft weitgehend übernommen hat. Lediglich ein braunes Boot am Meeressaum hat Beckmann hinzugefügt. Das Wasser hat sich zurückgezogen, eine Lache am Stand zurückgelassen. Beckmann zeigt nicht die Kraft des Meeres, sondern die zurückweichende See. Eine Haltung, die von einem Rückzug ins Innere, auf das Wesentliche bestimmt ist, manifestiert sich in diesem Werk.

Wie das Meer auf dem Gemälde befindet sich der Künstler in dieser Zeit in einer Phase des Rückzugs.

Den „Meeresstrand“ hat Max Beckmann 1935 gemalt. Zu diesem Zeitpunkt sieht sich Beckmann immer stärkeren nationalsozialistischen Anfeindungen ausgesetzt, die schließlich zu seiner Entlassung aus dem Lehramt an der Frankfurter Städelschule für Kunstgewerbe führt. Er zieht sich 1933 nach Berlin zurück. Der Beckmann-Saal der Berliner Nationalgalerie wird aufgelöst, 1936 die letzten Bilder entfernt. 1937, während eines Aufenthaltes am Meer auf den Insel Wangerooge, läuft die Beschlagnahmung seiner Werke in den deutschen Museen. Am 18. Juli hört Beckmann im Radio die Rede Hitlers zur Eröffnung des „Hauses der deutschen Kunst“ in München. Am folgenden Tag verlassen Max und Quappi Beckmann Deutschland in Richtung Amsterdam.

J. Tralles