Tanzende Kreidestriche

Bild der 36. Woche - 9. bis 15. September 2013

Edgar Degas (1834 Paris – Paris 1917) Tänzerinnen, um 1905 Pastell, Papier auf Leinwand, 45,6 x 93,7 cm Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud, WRM 3122
Edgar Degas, Ballettprobe auf der Bühne, 1874, 0,65 x 0,81cm Musée d’Orsay, Paris

Fast möchte man sich für die Störung, für das unachtsame Eindringen entschuldigen, so privat wirkt die von Edgar Degas wiedergegebene Szene. In einem nur spärlich beleuchteten Saal beobachten wir eine Gruppe von Ballettänzerinnen in türkisfarbenen Kleidern. Sie bereiten sich auf eine Probe, vielleicht sogar einen Auftritt vor. Posen werden repetiert, vor dem Spiegelbild überprüft, wenn nötig korrigiert, die Kostüme ein letztes Mal geordnet. Scheinbar spontan und zufällig wird hier ein momenthafter Ausschnitt des Ballettlebens eingefangen. Die bildnerischen Mittel - der skizzierend schnelle, fast nervöse Kreidestrich, die asymmetrische Bildkomposition und das farbige Hell-Dunkel - erzeugen eine formale Spannung, die den Zustand der Erregung meisterhaft charakterisiert.  Als Edgar Degas diese Szene um etwa 1905 herum festhielt, war er bereits seit über dreißig Jahren von der einzigartigen Atmosphäre des Ballettlebens fasziniert. Auf unzähligen Öl- und Pastellgemälden hatte er Situationen und Stimmungen der Bühnenwelt auf die ihm eigene, unnachahmliche Weise festgehalten.  In Ergänzung zu unserem Bild aus Degas’ Spätwerk sehen Sie (kleines Bild, rechts) ein frühes Beispiel aus diesem Themenkreises. Es trägt den Titel „Ballettprobe auf der Bühne“, wurde 1874 gemalt und zählt zu Degas’ wohl bekanntesten Werken. Noch im gleichen Jahr zeigte er es mit neun weiteren Bildern auf der ersten großen Gemeinschaftsausstellung der „Société Anonyme“, einer neu gegründeten Künstlerkooperative. Zu dieser Künstlergruppe gehörten außer Degas u.a. auch Pissarro, Sisley, Monet, Renoir, die Morisot und Cézanne. Unter der Bezeichnung „Impressionisten“ gingen sie als radikale Neuerer der Malerei in die Geschichte der Kunst ein.  Die Impressionisten waren eine Gemeinschaft sehr unterschiedlicher Temperamente. Was sie jedoch vereinte, war ihre neue Art der Weltwahrnehmung, die sie durch eine völlig veränderte Malweise, einen neuartigen Umgang mit der Farbe und den Einbezug neuer Wirklichkeitsbereiche in die Malerei auszudrücken versuchten. Wenngleich Degas - gemeinsam mit den Impressionisten - der Malerei gänzlich neue Themenkreise und Ausdrucksmöglichkeiten eröffnete, ging er dennoch einen Sonderweg. Er entwickelte anhand alltäglicher Motive nach und nach einen neuartigen Bildaufbau, die für ihn typische Farbgebung und eine lebhafte Linienführung. Sein geschärfter Blick auf die Wirklichkeit befaßte sich weniger mit dem großstädtischen Panorama der Impressionisten, als mit der Facette, dem einzelnen Motiv, der Montage. In seinem zentralen Werkbereich, der Pastellmalerei, zu der auch unser Blatt gehört, gelang Degas eine Synthese, der er seine Ausnahmestellung in der Malerei des 19. Jahrhunderts verdankt. Als Degas 1917 im Alter von 83 Jahren starb, gehörte er zu den hochgeachteten Wegbereitern nachfolgender Künstlergenerationen. So haben junge Künstler - allen voran Picasso -, die Pastellmalerei und die Darstellung des alltäglichen Lebens entdeckt und zu Schwerpunkten ihres Schaffens gemacht.

O. Mextorf