Die Schöne und das wilde Tier
Eine Kölner Kissenplatte des späten 15. Jahrhunderts im Schnütgen-Museum

Bild der 15. Woche - 8. bis 15. April 2002

Die Jungfrau mit dem Einhorn, Köln (?) 3. Viertel 15. Jahrhundert, Kissenplatte, gewirkt in Wolle, Seide und Goldlahn, Schnütgen-Museum Inv. Nr. P 210 Höhe 59 cm, Breite 62 cm

Das 15. Jahrhundert war die Blütezeit der Bildvvirkerei in Deutschland. Vor allem am Mittel- und Oberrhein sowie im Frankenland wurden vor allem Bildteppiche, Antependien und Kissenplatten gewirkt. (Das Wirken ist eine dem Weben eng verwandte Technik. Statt den Faden auf ganzer Breite des Webstuhls durch die Kettfäden zu ziehen, werden - den einzelnen Farben entsprechend - kleine "lnseln gewebt".) Mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts stellten die meisten der Handwerksbetriebe die Herstellung dieser Luxusprodukte ein. Importprodukte aus Flandern bestimmten von da an den Markt. Das Kölner Museum Schnütgen besitzt, noch aus der Sammlung Alexander Schnütgens stammend, eine Kissenplatte, also die Vorderseite einer Kissenhülle, die vielleicht sogar in Köln hergestellt wurde. Eine junge Frau sitzt in einem Gärtlein am Boden. Dies Gärtlein ist von einem geflochtenen Kranz umgeben, der in seiner Form stark an die Dornenkrone Christi erinnert. Um diesen Kranz herum wachsen viele üppige und unwirtliche Disteln, die zahlreiche rote Blüten hervorgebracht haben. Ganz anders sieht es aber in dem kleinen umschlossenen Gärtlein aus. Dies ist ein wirklich liebreizender Ort, ein "locus amoenus". Hier wachsen Maiglöckchen, Nelken und rote Rosen. Und dort, in Mitten dieser Blumen, sitzt die junge Frau auf dem Rasen. Sie ist nicht allein geblieben, denn von rechts hat sich ein braunes Einhorn genähert, das zutraulich seine Vorderläufe in den Schoß der Frau gelegt hat. Einhörner, so weiß der Physiologos, ein Naturkundebuch der späten, schon christlich geprägten Antike, zu berichten, sind sehr wilde und zudem starke Tiere. Kein Jäger kann sie erlegen oder fangen. Zu Jungfrauen aber faßt das Einhorn sofort Zutrauen und läßt sich fangen. Da Einhorn und Jungfrau in enger Beziehung zueinander stehen, kann es nicht verwundern, daß auch die jungfräuliche Muttergottes im Mittelalter häufig zusammen mit dem Einhorn dargestellt wurde. Die Jungfrau der Kissenplatte sitzt gleichsam zwischen Disteln, was eine Anspielung auf das Hohe Lied des Königs Salomon ist, wo es heißt (2,2): "Eine Lilie unter den Disteln ist meine Freundin unter den Mädchen." Auch dieser Vers ist oft auf die Muttergottes übertragen worden, und kurz zuvor (2,1) ist im Hohen Lied von der "Lilie der Täler" die Rede. Im Mittelalter ist diese Bezeichnung von der weißen Lilie auf das Maiglöckchen übertragen worden, das auch "Lilium convallium", Tallilie, genannt wurde. Lilie und Maiglöckchen sind ebenfalls Jungfräulichkeitssymbole, während Nelke und rote Rose als Hinweise auf die Passion Jesu gelten. Es zeigt sich, daß die "Schöne und das wilde Tier", die zuerst einen ganz weltlichen Eindruck machen, durch und durch von christlichem Denken durchdrungen sind.

Th. Blisniewski