Sonnenaufgang, klassisch

Bild der 33. Woche - 19. bis 25. August 2013

Teller mit Kopf der Aurora Kristallglas mit Tiefenschnittdekor, vergoldete Bronze Wien, um 1882/85, Höhe 26,3 cm Museum für Angewandte Kunst, Köln, F 1065

Die Epoche des Historismus ist in der Gläser-Sammlung des Museums für Angewandte Kunst in Köln vor allem durch Gläser zweier Glashütten vertreten: Der Rheinischen Glashütten AG in (Köln-)Ehrenfeld sowie des Wiener Glasverlaghauses J. & L. Lobmeyr. Letzteres Verlaghaus, von dem dieser Teller stammt, bezog seine Gläser vor allem aus der damaligen Kernregion der historistischen Glasproduktion, Böhmen und Schlesien, bzw. orientierte sich in seinen Produktionen an deren Tradition. Die in jener Zeit in der bürgerlichen Wohnkultur aufkommende Prachtentfaltung bevorzugte vor allem Gläser, die – neben den Goldrubingläsern – erst nach dem Erkalten des Glases ihre Veredelung erhielten: Durch Schliff, Schnitt, Gravur, Bemalung oder ähnliches. Gegenüber der Biedermeierzeit, die das opake und bunte Glas mit seiner Nachahmung des Porzellans bzw. der Halbedelsteine bevorzugt hatte, traten nun – neben der "historistischen" Formgebung – die materialen Charakteristika des Glases wieder in den Vordergrund, die Zerbrechlichkeit und Durchsichtigkeit. Die ästhetische Wirkung des "reinen" Glases sollte derjenigen von Diamant und Bergkristall angenähert werden: klar, durchsichtig, farblos und von höchster Brillanz. Die in das Glas geschnittene Dekorzeichnung dieses sogenannten Aurora-Tellers stammt von einem der besten Ornamentzeichner Wiens, von Josef Ritter von Storck (1830-1902), der auch an der malerischen Innenausgestaltung der Wiener Oper mitgewirkt hatte. Der Dekor ist spiegelsymmetrisch angelegt und zeigt Eule, Stern und Hahn zwischen streng geformten Blumengirlanden, die unten neben einer Mohnstaude beginnen. Im Spiegel des Tellers ist der geflügelte Profilkopf der "Aurora", der Morgenröte, mit wehenden Locken zwischen Wolken zu sehen, über ihr der Morgenstern. Diese Darstellung geht auf ein Relief des Bildhauers Erastus Dow Palmer (1817-1904) zurück, welches dieser zusammen mit einem zugehörigen "Abendstern" als Pendant schuf. Zur Zeit der Entstehung unseres Glastellers hatte sich dieser als Autor vergleichbarer allegorischer Darstellungen einen Namen gemacht. Die Tiere des Ornamentes beziehen sich symbolisch auf dieses Thema: Die Eule steht für die Nacht, der Hahn für den beginnenden Tag. Der gläserne Teller wird von einem vergoldeten Bronzeständer gehalten, dessen Fuß mit plastischen Rosen, Schleifen und Blattranken verziert ist. Durch ein zugeschriebenes Vergleichsbeispiel läßt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit auch für dieses Werk der Glasschneider namentlich belegen: August Hezel aus Steinschönau (1851-1931). Er war ab 1882 für J. & L. Lobmeyr tätig und beherrschte den Glasschnitt nach altböhmischer Tradition. Warum bezeichnet man dieses Glas nun als "historistisch"? Der formale Stil der Künstler orientierte sich an den Vorbildern älterer Zeit. Hier ist das streng gelegte, symmetrische Ornament sowie die durch die Profilansicht ebenfalls streng wirkende Aurora an den stilistischen Vorbildern der Klassik orientiert. Diese Strenge wird dazu gekonnt in einen spannungsreichen Kontrast zur "Asymmetrie" des vergoldeten Fußes gesetzt. Dieser wiederum orientiert sich an der barocken Formensprache. Auch die mythologische Thematik macht die Verbindung zur Klassik deutlich. Dieses Objekt in www.kulturelles-erbe-koeln.de

T. Nagel