Das war Spitze!

Bild der 41. Woche - 13. bis 20. Oktober 2003

von links nach rechts: Nachmittagskleid, Köln 1926/27, Museum für Angewandte Kunst, Köln, P 416 Nachmittagskleid, Berlin 1929, Museum für Angewandte Kunst, Köln, P 314 Rotes Spitzenkleid, Deutschland 1930, , Museum für Angewandte Kunst, Köln, P 752

Die 1920er Jahre veränderten den Lebensstil der Menschen. Statt des Besuches von wenigen "großen Gesellschaften" ging man nun abends mit einem kleinen Freundeskreis "aus", etwa in Tanzlokale, ins Kabarett oder Varieté. Hierbei trug man Kleider, die wie hängende Hemden geschnitten, ärmellos und sehr bequem waren. Die Farben dieser Mode entwickelten sich vom Schwarz immer mehr zu lichten Farben: Blaßgrün, Blaßviolett, Mandelgrün, Lachsrot u.ä. Ab 1923 begann der "Siegeszug" des Charleston, der in seiner Schnelligkeit genau diese Art von Kleidern mit genügend Bewegungsfreiheit benötigte und die Entwicklung verstärkte. Die Länge der Kleider verkürzte sich bis Mitte des Jahrzehnts von Knöchel- auf Knielänge, sank dann jedoch bis zum Ende der 1920er wieder ab. Das lachsfarbene Kleid links hat eingesetzte Falten im Rock, welche die strenge gerade Linie der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts auflockern und dem Stoff ein "damenhaftes Schwingen" ermöglichen. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung wurden in der Zeit nach 1925 für das festliche Kleid immer mehr Spitze verwendet. Man benutzte sie nicht nur in Form von schmalen Streifen, sondern in Verbindung mit dem Grundstoff eines Kleides als gleichfarbige, breite Meterware. Wie beim mittleren Kleid zu sehen, erhielt die Spitze beim festlichen Kleid Verwendung als transparenter Abschnitt der Ärmel, als Teil des Rockes, zum Schmuck des Dekolletés oder als kostbarer Einsatz. Die Perlen und Pailletten der Abendkleider fielen weg, die tiefe Taille wurde oft mit einem Gürtel betont. War bereits in den 1920er Jahren die Spitze als teurer Stoff immer stärker verwendet worden, so schwelgte man in den 1930er Jahren mit diesem Material. Für festliche Kleider liebte man ihre transparente Wirkung. Spitze wurde – wie beim Kleid rechts - mit anderen Stoffen kombiniert, man krauste oder verarbeitete sie in weiten Glocken, so daß sie sich duftig von den knappgeschnittenen Satinunterkleidern abhob. Die hier gezeigten Kleider stammen aus der umfangreichen Sammlung zur Geschichte der Mode des Museum für Angewandte Kunst in Köln. Für Liebhaber der Mode wird dort vom 19. Oktober bis zum 14. Dezember die Ausstellung IN. femme fashion 1780 – 2004 zu sehen sein. Literaturhinweis: G. Reineking v. Bock, Kleider für schöne Stunden. 100 Jahre festliche Damenkleidung, Köln 1993.

T. Nagel