Chinesisches Neujahr – Das Jahr des Büffels

Bild der 06. Woche - 8. Februar bis 14. Februar 2021

Chao Fu, Kaihō Yushō (1533-1615) (zugeschrieben), Aufschrift: Kaiho Seiryō (1755-1817), Vorderseite eines Stellschirms, Tusche auf Papier, Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inventar-Nr. Aa 3, © RBA Köln / Sabrina Walz

Das traditionelle Neujahrfest, auch Frühlingsfest genannt, ist in China und chinesisch geprägten Gesellschaften das wichtigste Fest im Jahresverlauf. Es läutet das neue Jahr nach dem chinesischen Mondkalender ein, das in diesem Jahr am 12. Februar beginnt. 2021 ist dem Tierkreiszeichen Büffel zugeordnet, dem zweiten Tier in der Abfolge von insgesamt zwölf Tieren, die jeweils für ein Mondjahr stehen. Eigentlich wäre der Büffel das erste Tier gewesen. Diese Position wurde ihm aber durch eine List der Ratte streitig gemacht. (Vergl. BdW 3. KW/2020).

In der vorindustriellen chinesischen Landwirtschaft war der Büffel ein wichtiges Nutztier, das für die Menschen beim Ackerbau unentbehrlich war und gelegentlich als Reittier diente. Kraft, Ausdauer, Zuverlässigkeit und Duldsamkeit eines Büffels sind sprichwörtlich. So verwundert es nicht, dass Menschen, die im Jahr des Büffels geboren sind, als fleißig, geduldig und schweigsam gelten. Sie sind konsequent in ihren Handlungen und zuverlässig. Andererseits gelten sie auch als leicht erregbar, eigensinnig und hartnäckig.

Einige der genannten Eigenschaften spielen auch auf der Darstellung auf einem japanischen Stellschirm aus der Sammlung des Museums für Ostasiatische Kunst eine Rolle – zumindest wenn man die der Tuschmalerei zugrunde liegende Geschichte kennt. Wir sehen den mit wenigen, ausdrucksstarken Pinselstrichen in Seitenansicht skizzierten Protagonisten, Chao Fu, der zielstrebig nach rechts schreitet. Er ist an seiner schlichten Kleidung, Haartracht und Bart als Eremit zu erkennen. An einem Seil führt Chao Fu einen Büffel. Dieser strebte ursprünglich in die Gegenrichtung. Den Augenblick der abrupten Kehrtwendung fängt der Künstler meisterhaft in der besonderen Darstellung des Büffels ein. Die verdrehte Seitenansicht der vorderen steht im Gegensatz zur hinteren Körperhälfte des Tieres. Die vor leerem Hintergrund knapp dargestellte Szene bezieht sich auf eine legendäre Begebenheit des chinesischen Altertums: Der mythische Ur-Kaiser Yao trägt die Nachfolge seiner Herrschaft dem moralisch integren Eremiten Xu You an. Dieser strebt keinerlei weltliche Macht an und ist von dem Angebot dermaßen brüskiert, dass er sich im Ying-Fluss die Ohren auswäscht, um sich symbolisch von den Worten des Herrschers Yao zu reinigen. Als der mit Xu You befreundete Eremit Chao Fu sich darauf dem Ying-Fluss nähert, um seinen Büffel zu tränken, vollzieht er aus moralischer Empörung eine abrupte Kehrtwendung und zieht seinen Büffel vom Fluss weg. Damit verhindert Chao Fu, dass sein Büffel vom moralisch verschmutzten Wasser „vergiftet“ wird. Die Malerei auf dem Stellschirm zeigt nur einen Teil der Geschichte: Chao Fu, der einen Büffel zur Umkehr bewegt. Eine Einordnung in den Kontext liefert der Text auf dem oberen Teil des rechten Paneels. Er ist eine später hinzugefügte Abhandlung des japanischen Neo-Konfuzianers Kaiho Seiryō (1755-1817) über die moralische Beispielhaftigkeit des Handelns von Xu You und Chao Fu.

In Japan wurde die Geschichte aus China seit dem 12. Jahrhundert schriftlich überliefert und findet sich als Bildthema ab dem 16. Jahrhundert. Dabei wird in der Regel die komplette Begebenheit am Ying-Fluss, also auch die Szene, in der sich Xu You die Ohren auswäscht, dargestellt. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass ursprünglich ein zweiter Stellschirm als Pendant zu diesem angefertigt wurde. Es ist aber auch denkbar, dass die komplette Malerei ursprünglich nicht auf zwei Stellschirmen, sondern auf zwei Schiebetüren montiert war.

Die positiven Charaktereigenschaften eines Büffels wie Disziplin, Ausdauer, Zuverlässigkeit und Hartnäckigkeit gepaart mit der moralischen Integrität eines Xu You und Chao Fu könnten ein gutes Leitbild für die Bewältigung der großen gemeinschaftlichen Herausforderungen im Jahr 2021 sein.

C. Stegmann-Rennert