Metropolen der Welt: Mexiko-Stadt

Bild der 49. Woche - 7. Dezember bis 13. Dezember 2020

Stadtplan von Mexico-Stadt, 1932, Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln, Sammlung Dörner, Repro: RJM

Die Einheimischen nennen sie »El Monstruo« – das Monster. Mexiko-Stadt gilt als dreckig, gnadenlos überfüllt und – in den letzten Jahren erst recht – als brandgefährlich. Horrorgeschichten vom tobenden Drogenkrieg in der Millionen-Metropole taugen nicht zur Imagepolitur. Der historische Stadtplan lässt diese Dimensionen noch nicht erahnen: 1932 veröffentlicht, sollte er die neuen elektrischen Straßenbahnen bewerben, die im selben Jahr den letzten Maultier-Zug ablösten. Der Plan präsentiert Mexiko-Stadt als moderne, aber traditionsbewusste Großstadt, die ihre indigenen vorspanischen Wurzeln pflegt. Gezeichnet hat ihn Emily Edwards, einst eng verbunden mit der mexikanischen Kunstelite um Diego Rivera und Frida Kahlo.

Nicht nur die Einheimischen, auch Anne Slenczka, Amerika-Kuratorin am Rautenstrauch-Joest-Museum (RJM) weiß, dass sich das »Monster« bändigen lässt und vor allem viele liebenswerte Seiten hat. Fünf Jahre lang hat sie – etappenweise – in der Megacity gelebt und gearbeitet. Erstmals 1987 – das Jahr, in dem ihr historisches Zentrum UNESCO-Welterbe wurde. Da zählte die Stadt mit knapp 20 Millionen Einwohner*innen noch zu den größten Metropolregionen der Welt, während heute Tokio mit gut 38 Millionen diese »Hitliste« anführt. Anfang der 1990er-Jahre absolviert die Lateinamerika-Kennerin ein Praktikum im Museum del Templo Mayor. Die Überreste des Haupttempels der Azteken bilden – gemeinsam mit Kathedrale, Hauptplatz und dem Nationalpalast – das Zentrum. Der Templo Mayor wurde erst 1978 entdeckt und freigelegt, weshalb man ihn auf dem Stadtplan aus den 1930er-Jahren vergeblich sucht.

Für Anne Slenczka ist Mexiko-Stadt ein faszinierendes Erlebnis. Mit Vierteln, deren Häuserzeilen, Parks und Brunnen an Paris erinnern. Und so gibt es neben der hohen Museumsdichte auch eine quirlige Kunst- und Kulturszene. Gleichzeitig finden sich Stadtteile, die indigenen Dörfern inmitten der Metropole gleichen und deren Bevölkerung das Stadtzentrum bisweilen gar nicht kennt. Viele Migrant*innen leben aber auch in slumähnlichen Gebieten ohne fließendes Wasser und von Gelegenheitsjobs. »Mit dem Aufeinanderprallen dieser radikalen Gegensätze muss man umgehen können«, berichtet Slenczka, »bei mir führte es dazu, dass ich mich trotz meiner Arbeit in großen Museen bewusst für das Thema indigener Communitymuseen und alternativer Museologie als Promotionsprojekt entschied.«

In Zeiten von Corona spiegelt sich aktuell wider, wer sich in Mexiko-Stadt »Abstand« leisten kann: Die Straßen der wohlhabenden Viertel sind menschenleer, während am Stadtrand das Leben mit dicht frequentierten Straßenständen und Märkten aus purer Not kaum verändert weitergeht. Vieles aber hat sich in den vergangenen Jahrzehnten auch zum Positiven gewandelt: In den 1990er-Jahren wohnte Anne Slenczka an einer achtspurigen Straße. Die Luft war teils so schlecht, dass die Skalen der Ozonmessgeräte nicht ausreichten. Heute fallen im Stadtbild öffentliche Leihfahrräder und Elektrotaxis ins Auge. Und im Zentrum gibt es autofreie Sonntage. Zuletzt reiste die Kuratorin 2015 im Rahmen der Vorbereitungen für die große Pilgerausstellung im Rautenstrauch-Joest-Museum nach Mexiko-Stadt. Nicht nur dann kommen ihre engen Kontakte zu den Kolleg*innen am Ort auch der Arbeit und der Sammlung des RJM zugute.

R. Müller