Metropolen der Welt: Kanton

Bild der 48. Woche - 30. November bis 6. Dezember 2020

Lai Afong (zugeschr.), Geschäftsstraße, Kanton, 1860er-Jahre, Albuminabzug, Museum für Ostasiatische Kunst Köln, P685 (Repro: RBA Köln)

Schon im 19. Jahrhundert zählt Kanton (Guangzhou) im Süden Chinas mit etwa einer Million Einwohner*innen zu den größten Städten des Landes. Im einzigen Hafen des Kaiserreichs, der auch ausländischen Händlern offensteht, werden in Europa so begehrte Waren gehandelt wie Tee, Gewürze, Porzellan, exotische Pflanzen und Seide. Umgekehrt zeigt China allerdings wenig Interesse an europäischen Produkten. Der Versuch der Briten, indisches Opium anstelle des teuren Silbers als Tauschmittel einzuführen, gipfelt in den sogenannten Opiumkriegen. Im Kampf gegen das Rauschgift und die Engländer muss das Reich der Mitte die Waffen strecken.

In den 1860er-Jahren, als die Aufnahme entsteht, ist Kanton wie Hongkong bereits Außenposten des britischen Empires. Der Handel floriert – die Großstadt pulsiert. Da kann es in den – im Vergleich zu denen in Europa – extrem schmalen Geschäftsstraßen mit Läden dicht an dicht schon mal eng werden. Der schottische Fotograf John Thomson schreibt 1873 in sein Reisetagebuch: »Die Läden in guten Straßen sind von fast einheitlicher Größe; (…); in jedem gibt es eine Wohnung, die zur Straße geht, und eine Theke aus Granit oder Ziegelstein, um die Waren auszulegen. Auf einem Granitsockel steht auch das senkrechte Aushängeschild. (…) Man kann Aushängeschilder als gute Beispiele für die Straßenliteratur Chinas betrachten, die die nationale Neigung der Geschäftsinhaber zeigen, noch ihre einfachsten Waren mit einer hochgestochenen klassischen Wendung anzupreisen, die, soweit ich sehen kann, in keinerlei Beziehung zum Inhalt des Ladens stehen.«

Tatsächlich laden die Reklametafeln der chinesischen Einkaufsmeilen zum Lesen ein – die Texte, Namen und Werbeslogans spielen auf berühmte literarische Vorbilder und Ideen an. Sie versprechen den »ewigen Frühling«, »doppeltes Glück«, »große Harmonie« und preisen Produkte wie das »Elixier der Unsterblichkeit« an. Das wirkt aus westlicher Perspektive manchmal naiv und unfreiwillig komisch, aber – seit wann gehört die Übertreibung nicht auch bei uns zum gängigen Stilmittel?

R. Müller