Plastik: Material der tausend Möglichkeiten

Bild der 01. Woche - 4. Januar bis 10. Januar 2021

Vico Magistretti, Artemide, Pregnana Milanese, Stuhl "Gaudí", Museum für Angewandte Kunst Köln, Köln, Inv.-Nr. A 1581 / Rheinisches Bildarchiv Köln.

Plastik hat einen festen Platz in unserem Alltagsleben und ist aufgrund vieler geschätzter Eigenschaften als Gebrauchsmaterial nicht wegzudenken. Jährlich werden in Europa ungefähr 57 Millionen Tonnen Kunststoffe produziert, wovon beinahe die Hälfte als Verpackungsmaterial verwendet wird. Als negative Begleiterscheinung landet Plastik in Form von Müll zunehmend im öffentlichen Raum. Dort zerbröselt der Abfall nach langer Zeit – im Park, an der Uferböschung oder am Strand – zu kleinsten Kunststoffteilchen, die in unser Ökosystem gelangen. Um dem entgegenzuwirken, wird im Sommer 2021 der Verkauf von Wegwerfartikel aus Kunststoff verboten. Dazu gehören z.B. Wattestäbchen, Besteck, Teller, Trinkhalme, Rührstäbchen aus Kunststoff sowie To-go-Getränkebecher und Fast-Food-Verpackungen aus Styropor.

Der Begriff „Plastik“ steht in der bildenden Kunst nicht nur für eine geformte Skulptur, sondern auch für eine Materialgattung, deren Erfindung das Möbeldesign des 20. Jahrhunderts revolutionierte. Bereits in den 1930er Jahren wurde aus Kunststoff, wie beispielsweise dem bekannten Bakelit, zahlreiche Haushaltsgegenstände produziert. Plastik galt nicht als billiger Ersatz edler Materialien wie Elfenbein, Perlmutt oder Holz, sondern als glamouröses Material neuer technischer Errungenschaften. Die Erfindung der Kunststoff Polyester, Polyethylen und Polyurethan ermöglichte es Designern, Möbeln und Objekten flexible sowie ungewöhnliche Formen und Farben zu geben. Und Plastik hat einen großen Vorteil: es ist belastbar, dauerhaft, pflegeleicht, lebensmittelecht, einfach zu formen und färben sowie nahezu unendlich recyclebar. Extravagante Kunststoff-Möbel präsentierten ab den 1940er Jahren völlig neue Formen und Oberflächen. Mit Modellen wie Dar, Panton, Floris oder Tomate schufen legendäre Designer:innen wie Ray und Charles Eames, Verner Panton, Günter Betzig oder Eero Aarnio Möbelstücke, die zwar seriell hergestellt wurden, aber trotzdem nur für einen Teil der Bevölkerung erschwinglich waren. Die Lifestyle-Produkte ihrer Zeit sind heute rare Sammlerobjekte und zeitlose Designklassiker.

Der italienische Architekt und Industriedesigner Vico Magistretti (1920–2006) erschuf 1967 seinen berühmten Plastikstuhl „Selene“, der von Artemide produziert wurde. In Italien kam es in den 1960er Jahren häufig zu Kooperationen zwischen Designern und Herstellern, um mit den technischen und expressiven Möglichkeiten von Kunststoff zu experimentieren. Im Jahr 1970 entwarf er, in Anlehnung an seinen großen Erfolg, den Armlehnensessel „Gaudì“ der ebenfalls bei Artemide produziert wurde und als Ensemble mit Tisch „Demetrio“ in einem saftigen Grünton erhältlich war. Seine Entwürfe gehören heute nicht nur zur Sammlung des Museum of Modern Art in New York, sondern auch zur Designsammlung des MAKK – Museum für angewandte Kunst in Köln.

Bedingt durch die globalen Ölkrisen der 1970er Jahre und die damit verbundene Umweltbewegung, welche die ökologische Nachhaltigkeit der Gesellschaft ins Zentrum der Diskussion stellte, verlor der Kunststoff als Werkstoff an Attraktivität. Vom Material der Zukunft und des wirtschaftlichen Aufschwungs entwickelte er sich zum Synonym für Massenkonsum, Rohstoffverschwendung und Billigware. Durch moderne, nachhaltige Herstellungsverfahren und die Entwicklung biologisch abbaubarer Produkte gewinnt der Werkstoff ab 2000 wieder zunehmend an Beliebtheit – aktuell erleben Kunststoffmöbel einen Boom. Spannend bleibt, ob die Designer:innen von heute an die Kreativität der 1960er und 70er Jahre anknüpfen können.

A. Krätz