„Rassismus“ und „Corona“ 1870/71

Bild der 05. Woche - 1. Februar bis 7. Februar 2021

„French prisoners of war in the camp at Wahn, near Cologne“, 1870, Holzstich nach einer Zeichnung von Godefroy Durand, in: The Graphic, London, 22.10.1870, Kölnisches Stadtmuseum, Graphische Sammlung, Inv. Nr. G 32761, Foto: Mario Kramp 2020

In London erscheint im Oktober 1870 diese Presse-Illustration vom „camp at Wahn near Cologne“ – dem eilig errichteten Zeltlager auf dem Truppenübungsplatz Wahner Heide. Hier werden im Krieg 1870/71 mehr als 10.000 kriegsgefangene Franzosen interniert.

Zwar sind Kontakte der Zivilbevölkerung eigentlich verboten. Doch für Kölnerinnen und Kölner wird es Mode, am Wochenende nach Wahn zu fahren. „Tout Cologne“ pilgert in Massen dorthin. Der Zugang muss beschränkt und sogar Einritt erhoben werden.

Besonders neugierig ist man auf die Afrikaner, die „Turkos“ der französischen Kolonialarmee, von der deutschen Propaganda als wild und unzivilisiert geschmäht. Zum ersten Mal in der Geschichte begegnen Kölnerinnen und Kölner so vielen Schwarzen Menschen.

Das zeigt die Londoner Zeitung. Man hat sich fein gemacht – die Herren in Gehrock mit Zylinder, die Damen in Ausgehgarderobe. Unter den Augen der preußischen Bewacher beobachtet vorne ein Junge die Turkos. Seine Mutter ermuntert die ängstliche Tochter, einem Schwarzen ein Geschenk zu überreichen.

Der Umgang mit Schwarzen Menschen ist zwiespältig. Einerseits geprägt von Mitgefühl: Kölnerinnen kümmern sich um sie und bringen ihnen Geschenke. Die männlich dominierte Kölner Presse hetzt gegen diesen weiblichen „kosmopolitischen Sentimentalitäts-Dusel“. Maler und Fotografen sind fasziniert vom exotisch anmutenden Lagerleben. Man zeigt – voller Unverständnis gegenüber Muslimen – Mitleid mit den „armen Heidenvölkern“. Sie werden bestaunt wie Tiere, unter denen es auch „gutmütige Kreaturen“ gebe. Nicht nur verdeckten, sondern auch brutal offenen Rassismus gibt es: Die Afrikaner seien grausame Bestien, die eher in den Kölner Zoo gehören.

Mit den Kriegsgefangenen kommen auch die Pocken nach Köln. Die oft tödliche Krankheit überträgt sich durch Anhusten oder Berührung, sogar durch Kontakt mit der Kleidung eines Infizierten. Abstand wäre geboten. Doch in Köln erfolgt, wie auf dem Bild zu sehen ist, das Gegenteil. Auch durch schwunghaften Handel mit Uniformteilen der gefangenen Franzosen verbreitet sich die Epidemie.

Die preußischen Soldaten und die internierten Franzosen werden geimpft. Nicht aber die Zivilbevölkerung. Rasch verbreitet sich die Epidemie in Köln. Der Stadtrat ist ratlos: eine Impfpflicht existiert noch nicht. Fanatische Impfgegner heizen die Debatten an und schmähen Befürworter von Schutzimpfungen als „Impffanatiker“. Besonders in ärmeren, dichtbesiedelten Vierteln wütet die Seuche. In ganz Europa sterben eine halbe Million Menschen, danach befällt die Epidemie auch die USA, Japan, Südamerika, Indien und Australien.

Köln ist mit fast 2.500 Infizierten und 479 Toten noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Hier wird ausgerechnet die Siegesparade der aus dem Krieg zurückkehrenden Truppen mit Feierlaune und Umarmungen im Juni 1871 zum Hotspot der Virus-Übertragung. Da sind die Kriegsgefangenen längst wieder in Frankreich

Insgesamt wurden 1870/71 bei Köln bis zu 19.000 Franzosen interniert: die Offiziere in der Stadt Köln, die Mannschaften in rechtsrheinischen Lagern – in Deutz, auf der Wahner Heide, in Wahnheide und Gremberg.

Dieses Kapitel der deutsch-französischen Geschichte ist heute nahezu vergessen.

M. Kramp