Metropolen der Welt: New York

Bild der 45. Woche - 9. November bis 15. November 2020

George Segal, The Restaurant Window I (Das Restaurant-Fenster I), New York 1967, Museum Ludwig Köln, © The George and Helen Segal Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2020 (Foto: RBA Köln)

Eine Alltagsszene, so banal wie ergreifend: Eine Frau hinter Glas, im kühlen Neonlicht – allein am einzigen Tisch eines Restaurants. Draußen, vor der breiten Fensterfront trottet ein Passant vorüber. Teilnahmslos und in sich gekehrt. Die Glasscheibe wird zur unüberwindbaren Schwelle zwischen Drinnen und Draußen. Die Szenerie – ein eingefrorener Moment im Großstadtgewimmel, ein melancholischer Augenblick wie man ihn aus den Bildern von Edward Hopper kennt, wo einsame Zeitgenossen in leeren Wohnungen und Lokalen hocken. Oder aus Gedichten von Kurt Tucholsky: »Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider – was war das? Vielleicht dein Lebensglück … vorbei, verweht, nie wieder.« Die Großstadt als flüchtiger Ort, Ursache menschlicher Isolation. Nichts Neues, aber in Zeiten des Virus und des »Social Distancing« bekommt das alles – zumal in New York, dem schicksalhaften Hotspot der Corona-Pandemie – einen gespenstisch aktuellen Bezug. Auch wegen unzähliger Covid 19-Opfer aus der tagesaktuellen Sterbestatistik. Gesichtslos – wie Segals bleiche Gipsfiguren.

George Segal (1924 – 2000), Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen, in New York geboren, kommt als Spätberufener zur Bildhauerei. In seinem Atelier – nahe dem Big Apple, auf einer Farm, wo er einst Hühner züchtete – malt Segal glücklos wie die amerikanischen Expressionisten der 1950er-Jahre. Mit der seinerzeit so gefeierten Pop-Art kann er sich nicht anfreunden und kommt auf die Idee, seine Bildmotive, stets Menschen, in reale Räume zu versetzen. So beginnt der der Künstler, vornehmlich die eigene Lebenspartnerin wie auch seinen Galeristen in gipsgetränkte Bandagen zu wickeln, um daraus lebensgroße Figuren aus Draht, Federn und Gips zu formen. Prototypen und Statisten auf seiner Bühne entlarvender Alltäglichkeiten, real und doch seltsam entrückt: Ein urbanes Panoptikum – der Busfahrer am Steuer, das Liebespaar im Treppenhaus, der letzte Gast an der Theke. Denkmäler ohne Sockel – stets auf Augenhöhe des Betrachters.

R. Müller