Ein großzügiges Geschenk

Bild der 31. Woche - 30. Juli bis 6. August 2001

Fächer und Kürbisranke, Tsuba (Schwertstichblatt), Meister der Shôami-Familie, Eisen, goldtauschiert, Japan, Kyôto oder Provinz Awa, Edo-Zeit, 17./18. Jh., Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. N 140

Was mag diese kleine, 8,3 cm im Durchmesser messende, so sensibel geschmückte Scheibe ursprünglich gewesen sein? Eine Schloßabdeckung? Ein Beschlagteil eines Möbels? Dem mit ostasiatischer Kunst wenig vertrauten Betrachter erschließt sich die Funktion dieses kleinen Kunstwerkes nur schwer. Es handelt sich um ein sogenanntes Schwertstichblatt (Tsuba), einen Teil des Schwertzierates. Es wurde zwischen Schaft und Klinge gestreckt, um die Hand vor einem Abrutschen vom Griff ins Schwertblatt zu schützen. Im positiven Schattenriß sind ein Faltfächer, Kürbisranken, schmale Blätter, Blüten und sich entwickelnde Früchte gezeigt. Der Dekor des Randes mit rautenförmigen Blüten, Zirkelschlagmuster und stilisierten Hanfblättern und der Fächerbespannung mit Feldchrysantheme, Schirmblütler und Gräsern sowie den Kürbisranken sind in zweifarbiger Goldtauschierung wiedergegeben. Die dargestellten Pflanzen blühen im Spätsommer und Frühherbst und sind ein fester Topos in der japanischen Lyrik ab der Heian-Zeit (784-1185). Kürbisblüten sind auch eine Anspielung auf das Kapitel "Yûgao" des "Genji monogatari" (Geschichte des Prinzen Genji, s. hierzu BdW 40/1998). Der reiche zweifarbige Golddekor weist dieses Tsuba als eine Geschenkarbeit (Kenjô) aus, wie sie von den Tsuba-Meistern der Shôami-Familie sowohl in Kyôto als auch in der Provinz Awa hergestellt wurden. Das Stichblatt stammt aus der Sammlung des kaiserlichen Hausministers Graf Mitsuaki Tanaka, der es Frieda Fischer schenkte, der Mitgründerin und Direktorin des Museums für Ostasiatische Kunst (s. hierzu BdW 15/2000 ). über die Begegnung mit Graf Tanaka und über dessen Geschenk schrieb Frieda Fischer, am 14. September 1905 in ihr Tagebuch: Unser Besuch bei dem Grafen Inouye hat eine Einladung des Hausministers, des Grafen Tanaka, nach sich gezogen. Der wie ein vornehmer Diplomat auftretende Graf empfing uns in ganz europäisch ausgestatteten Räumen und ließ uns seine schöne Sammlung japanischer Schwertzieraten sehen, an deren Zustandekommen er bereites 27 Jahre eifrig arbeitete. Ein Zeremonienmeister des kaiserlichen Hofes gab uns in englischer Sprache Erklärungen. Auf langen Tischen war die Sammlung für unsern Besuch aufgestellt in hellen, rot ausgeschlagenen Holzkästen, Schwerter, Stichblätter, Zwingen und Knäufe, Messergriffe und Menuki, zeitlich, nach Schulen und nach Künstlerdynastien geordnet, eine großartige Sammlung, von den frühen primitiven eisernen, gehämmerten und durchschnittenen, geschmiedeten Arbeiten bis zu denen aus raffinierten Metallmischungen mit Tauschierungen, Ziselierungen, Email- und Metalleinlagen, die geradezu Metallgemälde geworden sind und eine Steigerung der Technik nicht mehr zulassen. Der Motivenschatz ist unbegrenzt. Ornament, Natur, Sage und Geschichte, Legende und Religion, Fabel- und Tierwelt, alles zieht der Künstler in höchster Vollendung in seinen Bereich. Die Geschichte der japanischen Schwertkunst des alten feudalen Japan, die eine eigene gewichtige Note in der Kunst Japans ist, konnten wir hier übersichtlich ablesen. Sie ist abgeschlossen; denn das altjapanische Schwert hat dem europäischen Kriegsrüstzeug die Rolle abgetreten. Wir durften jedes Stück in die Hand nehmen und taten es nach japanischer Sitte nie mit der freien Hand, sondern mit einem Seidentüchlein, das wir bei uns tragen. Ein weißbärtiger ehemaliger Samurai, der der Betreuer dieser ritterlichen Schätze ist, gab uns willkommene Anleitung zu der notwendigen und eigenartigen, in Japan traditionsmäßig erprobten Behandlung und Pflege solcher kostbaren Metallarbeiten. Daß wir Ausländer nicht nur lebhafte Freude und Verständnis an diesem Teil der ostasiatischen Kunst hatten, sondern auch schon weitgehende Kenntnis zeigten, war dem Grafen Tanaka wohltuend und überraschend. Beim Abschied forderte er mich auf, eines seiner Stichblätter als Andenken an diesen Tag auszuwählen und mit in meine Heimat zu nehmen. Ich bin glücklich über diesen Besitz.

B. CleverT. Nagel