In Seenot

Bild der 17. Woche - 23. bis 30. April 2001

Die Geister der Taira greifen Yoshitsunes Schiff in der Bucht von Shimonoseki an, Utagawa Kuniyoshi, Japan, Edo-Zeit, 1849-52, Vielfarbenholzschnitt, ca. 33 x 72 cm Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 78

Die Geister der Taira greifen Yoshitsunes Schiff in der Bucht von Shimonoseki an Utagawa Kuniyoshi (1797-1861) Ein Schiff kämpft sich durch den Sturm. Riesige Wellen türmen sich auf, die Besatzung versucht verzweifelt, die Segel zu reffen. Aber der Sturm verfolgt sie. Dunkle Schemen schweben am Himmel und steigen aus den Kämmen der Wellen empor; sie wühlen das Meer auf, um das Schiff zu versenken. Es sind die Geister ertrunkener Krieger, die drohend ihre Opfer umkreisen. Das Schiff, das in einen schweren Sturm geriet, hat es wirklich gegeben. Am 25. April 1185 fand die historisch überlieferte Seeschlacht zwischen dem Clan der Taira und dem Clan der Minamoto statt. In der Bucht von Shimonoseki gelang es Minamoto no Yoshitsune, den Clan der Taira vernichtend zu schlagen. Aber im Winter des selben Jahres mußte Yoshitsune vor seinem Bruder fliehen. Auf dem Weg ins Exil geriet sein Schiff in einen schweren Sturm - die Geister der toten Krieger der Taira waren gekommen, um Rache zu nehmen. Der Holzschnittkünstler Kuniyoshi zeigt in seinem Bild den Moment, in dem das Schiff hilflos in ein Wellental stürzt, während schon die nächste drohende Welle von den wütenden Geistern aufgetürmt wird. Die Krieger Minamotos starren entsetzt auf das tosende Meer und auf die Totengeister, denn sie wissen, daß ihre Waffen gegen Tote wirkungslos sind. Nur die Gebete des Mönches Musashibô Benkei oben links am Heck des Schiffes können sie jetzt noch retten, wenn es ihm gelingt, die Geister zu beschwören und zu vertreiben. Der Glaube an Totengeister ist bis heute in Japan verbreitet. Durch den Einfluß von Glaubensvorstellungen aus dem Buddhismus, der Volksreligion und dem Ahnenkult entwickelte sich die Auffassung, das Menschen nach ihrem Tod zu Geistern werden können. Diese Geister leben in einer Zwischenwelt, bevor sie in das Reich der Toten eingehen und Ahnengeister werden. Aus dieser Zwischenwelt gelangen sie dann in das Diesseits, wenn starke Gefühle wie Liebe oder Haß, Rache oder Eifersucht sie leiten. Es sind immer Unterdrückte und Opfer, die nach ihrem Tode zu Geistern werden. Da die Totengeister durch ihre ungestillten Wünsche und unbefriedigten Gefühle an diese Welt gebunden sind, suchen sie den Ort oder den Verursacher ihrer Leiden heim. Zurück zum Bild: Die Geister der Krieger von Taira können nur durch die Gebete des Mönches erlöst werden - oder durch den Tod Minamotos. Aber die bedrohliche Szene wird gut enden, die Gebete des Mönches an Kannon, den Boddhisatva der Gnade und die Schutzgottheit der Seefahrer, werden erhört werden. Der Sturm wird nachlassen und die Geister werden verschwinden. Yoshitsunes Schiff wird ungehindert weitersegeln.

M. Jansen