Achill aus der Asche

Bild der 21. Woche - 21. bis 28. Mai 2001

Wilhelm Achilles-Pokal römisch, um 200, Emailmalerei auf Glas Gesamthöhe 24,5 cm, Höhe der Malerei 9,8 cm, Römisch-Germanisches-Museum, Köln
 

Nicht nur im Fußball geht es - wie am letzten Spieltag der Bundesliga erlebt - spannend zu, nicht nur dort liegen Trauer, Bangen und Freude eng beieinander. Dies kann auch in der archäologischen Bodendenkmalpflege so sein: 29. Oktober 1991, gegen 10 Uhr: Die Grabungen auf einem Neubaugrundstück an der Aachener Straße in Köln waren bisher ernüchternd verlaufen. Man hatte wegen früherer Funde auf den Nachbargrundstücken zwar mit dem Auffinden eines römischen Gräberfeldes gerechnet, als man dieses fand, stellte sich jedoch heraus, dass es bereits im Altertum von Grabräubern heimgesucht worden war: drei Steinsarkophage, ein Bleisarg, verschiedene Körperbestattungen und neun Aschekisten. An diesem Morgen legte man den steinernen Deckel einer offensichtlich ungestörten Aschekiste frei. 29. Oktober 1991, gegen 14 Uhr: Die Grabungsmitarbeiter öffnen die Kiste. Gleich fällt das farbige Glas an der Nordwand der Kiste auf, daneben sechs Haarnadeln - offensichtlich also ein Frauengrab. Da der Ausgrabungstechniker an diesem Tag unfallbedingt krank ist, wird wegen der erkennbaren Bedeutung des Fundes telephonisch Hilfe angefordert. Schnell treffen drei Experten ein: aus dem Römisch-Germanischen Museum, vom Amt für Archäologische Bodendenkmalpflege und vom Rheinischen Bildarchiv. Als man versucht das lose Erdreich vom Glas mit einem Pinsel zu entfernen, stellt man schnell fest, dass der Zustand des Gefäßes sehr schlecht ist: zahlreiche Risse, teilweise krümelig zersprungen bzw. zerbröselt, eine Scherbe an der Mündung steht noch aufrecht. 29. Oktober 1991, gegen 16 Uhr: Vorbereitungen zur Bergung der gesamten Kiste werden getroffen. Jede Erschütterung muss vermieden werden, um nicht die letzten noch zusammenhängenden Strukturen zu zerstören. Um das Risiko beim Transport zu verringern werden der Hohlraum des Glases und die Kiste mit weichem Papier ausgefüllt. 29. Oktober 1991, gegen 19 Uhr: Die Kiste trifft in der Restaurierungsabteilung des Amtes für Archäologische Bodendenkmalpflege ein. Da kein Restaurator zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung steht, kann nicht nachgesehen werden, ob das Glas den Transport überstanden hat. Es gilt bis zum nächsten Tag zu warten. 30. Oktober 1991, am Morgen: Aufatmen bei den Beteiligten: Der Transport war im wesentlichen gut überstanden, lediglich die von unten aufragende Scherbe war umgefallen (s. kleines Bild). Der erste Schritt war geglückt, nun begannen langwierige Arbeiten. Die nächsten Tage und Wochen waren mit den Vorbereitungen zur Konservierung und Rettung des noch vorhandenen Materials gefüllt. Experten wurden hinzugebeten, Sicherungsmaßnahmen eingeleitet, Sicherungskonzepte erarbeitet, neue Methoden erprobt, Spezialwerkzeug angeschafft. Am Ende stand die gelungene Rettung eines der bedeutendsten Funde aus römischer Zeit in Köln: Ein in Emailtechnik bemalter Glaspokal aus der Zeit um das Jahr 200. Er zeigt die Entdeckung des jugendlichen Helden Achilles unter den Töchtern Lykomedes auf der Insel Skyros, wo er in Mädchenkleidern von seinem Vater verborgen worden war. Den vor Troja lagernden Griechen war geweissagt worden, dass sie nur mit Achills Hilfe den Krieg gewinnen könnten. Dem Jüngling wiederum hatte man gesagt, er werden entweder ein langes ruhiges oder ein kurzes ruhmvolles Leben haben. Um Achill zu entlarven brachte Odysseus, der "Listenreiche", als Händler verkleidet Waffen und Handarbeitsmaterial zu den Töchtern Lykomedes. Der Pokal zeigt nun, wie Odysseus überraschend die Kriegstrompete blasen läßt und Achill "reflexartig" zu den Waffen greift, während die übrigen Mädchen fliehen.

T. Nagel