l'érotique Marie-Louise

Bild 25. Woche - 18. bis 25. Juni 2001

François Boucher, Ruhendes Mädchen (Marie-Louise O'Murphy), 1751, Leinwand, 59,5 x 73,5 cm, Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, WRM 2639
 

Marie-Louise O'Murphy, genannt Louison - ganz Paris hat über sie geklatscht, als sie, gerade vierzehn Jahre alt, Modell bei François Boucher wurde, dem berühmten Hofmaler Ludwigs XV. Angeblich hat Boucher sie ja nur in dieser Pose zeichnen wollen, um sie als Meerjungfrau in einem seiner Riesenbilder plantschen zu lassen. - Aber dann hat er sich wohl gedacht, daß die Reize der Louison ganz gut auch ohne die Verkleidung als Meerjungfrau auskämen, und hat ihr ein eigenständiges Bild gewidmet - dieses Bild hier, das sich im Besitz des Wallraf-Richartz-Museums - Fondation Corboud befindet. Solche galant-frivolen Aktgemälde waren damals bei einer bestimmten männlichen Käuferschicht sehr beliebt. Auch der Bruder der Marquise de Pompadour, der Mätresse Ludwigs XV., war ein Freund dieser erotischen Malerei, und als er unser Bild der Louison im Atelier Bouchers hängen sah, bestellte er sich gleich ein eigenes Bild. Diese leicht abgewandelte Fassung, die ein Jahr nach unserem Bild entstanden ist - (s. kleines Bild) - hängt heute in der Alten Pinakothek in München. Diese zweite Fassung soll der Bruder der Pompadour dann dem König gezeigt haben, und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Der König verliebte sich in Louison und machte sie zu seiner Geliebten. Meisterhaft ist zunächst Bouchers große Zurückhaltung bei der Farbigkeit des Bildes, in dem Gold- und Weißtöne dominieren. Die wenigen Farben aber, die Boucher benutzte, spielen nahezu alle Nuancen und Schattierungen ihres jeweiligen Spektrums durch. Sie sind allesamt fein abgestimmt auf die delikate Farbigkeit der Haut von Louise O'Murphy. Trotz aller Zurückhaltung in der Farbigkeit gelingt es Boucher, dem Betrachter auch die unterschiedlichen Stofflichkeiten seiner Bildgegenstände zu veranschaulichen, besonders gut zu sehen bei der schillernden Seide der Laken und des Kissens und den verschieden flauschigen Samtstoffen des Vorhangs und des Sofabezuges. Und - woran man in allen Epochen den wahren Meister erkennen kann, das ist die Modellierung des Schattens, die Fähigkeit, das Dunkle so zu malen, daß es Kontur und Substanz gewinnt, so wie man es hier in den Schattenpartien der unteren Bildzone sehen kann. Dieser Text ist eine für das Bild der Woche überarbeitete und um weitere Beispiele gekürzte Fassung des Textes, der im Informationssystem des Wallraf-Richartz-Museums - Fondation Corboud demnächst als Kurzfassung zu diesem Werk Bouchers zu hören (und zu sehen) ist. Der besondere Reiz dieses Informationssystems besteht darin, dass der Text unmittelbar vor dem Original abrufbar ist. Eine Langfassung widmet sich über das bereits Angesprochene hinaus der ausführlichen Biographie der Louise O'Murphy.

G. Herzog