Mallehrerin Fräulein Maëda Gyoku Yei

Bild der 15. Woche - 10. bis 17. April 2000

Mallehrerin Fräulein Maëda Gyoku Yei mit ihren Schülerinnen, Photographie von Frieda und Adolf Fischer, Kyoto 1898, Museum für Ostasiatische Kunst, Köln
 

Die in dem aktuellen Bild der Woche gezeigte Aufnahme aus dem Jahr 1898 stammt von den Eheleuten Adolf und Frieda Fischer, die das Kölner Museum für Ostasiatische Kunst gründeten. Frieda Fischer-Wieruszowski (1874 - 1945), die nach dem Tod ihres Mann das Museum von 1914 bis zu ihrer Absetzung durch die Nationalsozialisten 1937 selbst als Direktorin leitete, veröffentlichte 1938 in ihren Reiseerinnerungen an Japan einen Tagebucheintrag, der diese Szene schildert: Kyoto, den 3. Januar 1898 Fräulein Maëda Gyoku Yei, die Mallehrerin der höheren Töchterschule in Kyoto ist, hatte uns eingeladen. Eine Schar reizender Dämchen von zehn bis dreizehn Jahren, Töchter vornehmer Familien, waren heute ihre Gäste. Wie ein Strauß lieblicher Blumen wirkten sie in ihren bunten Feiertagsgewändern, mit zierlichem Schmuck im wohlfrisierten Haar. So saßen sie auf den Matten, die Händchen über dem wärmenden Kohlenbecken. Es gehört zur Erziehung eines Mädchens, daß es neben der Schreibkunst der Frauen, die im Gegensatz zu der der Männer ihre besondere Eigenart, ihre charakteristischen Merkmale hat, auch die Kunst des Malens übt. Denn wie das jedes Verbessern ausschließende Malen schärfste Konzentration und Sicherheit der Pinselführung verlangt, so sollen auch beim Schreiben die Gedanken im Zaum gehalten werden, und der Pinsel soll nicht eher das Papier berühren, als bis die Gedanken beherrscht und in voller Klarheit gefaßt sind. Auf dem Boden lag ein großes Stück Malseide. In kleinen Porzellannäpfchen waren Tusche und angeriebene Farben bereitgestellt, im Pinselständer die Pinsel. Und nun trat eines der Mädchen nach dem andern hinzu, von Fräulein Maëda mit Vornamen dazu aufgefordert, kniete vor der Seide nieder, und mit senkrecht aufgesetztem, spitzem, breitem oder gespaltenem Pinsel, der bald in eine, bald in zwei oder mehr Farben getaucht war, malten sie, Fräulein Kranich einen bunten Ahornzweig, Fräulein Berg eine Kamelie, Fräulein Schnee eine gelbrote Chrysantheme, Fräulein Ewig eine Schwertlilie. Jede hatte sich tief vor uns verneigt, ehe sie der anderen Platz machte. Jetzt legte sich Fräulein Maëda eine Malseide zurecht, besann sich einen Augenblick, und dann ließ sie unter den Augen ihrer gespannt schauenden Schülerschar das in ihrem Kopf fertige Bild erstehen. Wie ein Feldherr fuhr sie mit den Pinseln drein, ließ Blumen ersprießen und Vögel herbeiflattern. Während des Malens wurde Tee gereicht in Schälchen, groß wie unsere Vogelnäpfchen, und Kuchen in Form von Teeblättchen mit weißen Blüten, von grünen Zweigen mit roten Beeren, von grauen Häuschen mit beschneitem Dach, von Brückchen, belebt von winzigen Menschen und solche in Form von bunten Neujahrskarten mit umgebogener Ecke. Der schöne stille Raum, die feinen, gesitteten Menschen, das Erleben, alles atmete Lieblichkeit, Harmonie, märchenhafte Stimmung. Wir fühlten uns wie auf einem Stern. Auch hier in Deutschland kann man bei einer japanischen Mallehrerin in die Schule gehen.

B. Clever