In Alter und Schönheit

Bild der 30. Woche - 23. bis 30. Juli 2001

Simone Martini (Siena 1280/85?-1344 Avignon), Maria mit dem Kind, um 1315-1335, Pappelholz, 79,5 x 57 cm, Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, WRM 880
 

Im Bestand der mittelalterlichen, italienischen Malerei des Wallraf-Richartz-Museums - Fondation Corboud nimmt dieses Gemälde Simone Martinis, des großen Malers am Beginn des 14. Jahrhunderts in Siena, einen besonderen Platz ein: Nicht nur wegen der entstehungszeitlichen Parallele zur ältesten erhaltenen kölnischen Malerei, sondern auch dank malerischer Qualität und motivischer Tradition. Letztlich liegen diesem ca. 80 cm hohen Bild noch aus der byzantinischen Tradition stammende Darstellungstypen zugrunde. Hier ist vor allem die 'Eleusa' zu nennen, die versonnen am Kind vorbei auf die Passion vorausblickende Muttergottes. In die gleiche Richtung weist die Symbolbedeutung des Distelfinks (ital. cardellino), der hier vielleicht dank eines Wortspiels die Stelle der Schriftrolle (cartellino) einnehmen darf, vor allem aber an Opferung, Passion, Tod und Auferstehung erinnern soll. Zwar mag der Biß des etwas malträtierten Spielzeugs schon auf die Christus (und seiner Mutter) bevorstehenden Schmerzen hindeuten, doch legt der Maler die Betonung eher auf das mit der Passion verbundene Erlösungswerk. Dies zeigt sich in der gelassen-heiteren Ausstrahlung, die der Künstler durch festliche Farbklänge und melodische Linienführung zu erzielen versteht. Konturen und Binnenzeichnung differenzieren sehr genau zwischen der ruhigen Mutter und dem lebhaften Kind, schließen die beiden aber gleichzeitig in inniger Verbundenheit zusammen. Bei dem raffinierten Gemälde handelt es sich um die Mitteltafel eines im frühen 19. Jahrhundert zerlegten fünfteiligen Retabels (Altaraufsatzes, s. kleines Bild), das Simone Martini für die Augustinerkirche Sant' Agostino in San Gimignano schuf. Beiderseits des zentralen Madonnenbildes befanden sich je zwei etwas kleinere Tafeln, die (von links nach rechts) den hl. Geminianus, den hl. Michael, die hl. Katharina und den hl. Augustinus zeigten. Die Engel in den Giebelfeldern oberhalb der Heiligen verwiesen gestisch auf den (verlorenen) Giebel des Kölner Bildes, der wohl mit einer Darstellung des segnenden Christus versehen war. Diese Gesamtkomposition konnte durch Vergleich mit ähnlichen Retabeln und durch technologische Untersuchung der Tafeln rekonstruiert werden, die mit Ausnahme des Kölner Bildes und der 'Hl. Katharina' (Privatbesitz) im Fitzwilliam Museum, Cambridge, aufbewahrt werden. Anders als etwa in einem vergleichbaren Polyptychon desselben Künstlers in Boston (Isabella Stewart Gardner Museum) wenden hier Maria und das Kind den Kopf zur gleichen Seite. Somit wird der hl. Katharina - es handelt sich übrigens nicht um die Heilige Katharina von Siena, die erst 1380 stirbt, sondern um Katharina von Alexandria - besondere Ehre erwiesen, deren Bild unmittelbar rechts anschloß. Tatsächlich ist für die (vom Portal aus gesehen) rechte Seite der Eingangswand von Sant' Agostino ein Katharinenaltar bezeugt. Einen Beleg für die dortige Aufstellung des Retabels liefert Vincenzo Borghini, der Mitte des 16. Jahrhunderts seitlich der Eingangstür einen Altar mit der Inschrift "Simon senensis pinxit" ("Gemalt von Simon aus Siena") bemerkte.

R. Krischel