Fenster in die Vergangenheit

Bild der 47. Woche - 22. November bis 28. November 2021

Dohmen, Rudolf, Römisches Gräberfeld an der Luxemburger Straße bei Köln, I. und II. Festungsrayon (südöstliche Seite). Ausgrabungen bewirkt im Sommer 1897 durch Stadtbauinspektor Gerlach in Köln., Kölnisches Stadtmuseum, Köln, Inv.-Nr. Z 2006; Bildnachweis: Rheinisches Bildarchiv Köln

Spuren der über 2000-jährigen Geschichte Kölns, wie die Reste der römischen Stadtmauer, lassen sich noch heute im Stadtbild entdecken. Der überwiegende Teil der römischen, mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadt mit Relikten ihrer Bauwerke, Straßen und Befestigungen liegt allerdings verborgen im Untergrund – eingebettet in mehrere Meter dicke Schichten Kulturschutt, zwischen den Hinterlassenschaften der über die Jahrhunderte in Köln lebenden und arbeitenden Menschen.

Genau das macht archäologische Ausgrabungen in der Kölner Innenstadt so spannend, denn sie fördern eben jene Zeugnisse vergangener Zeiten zutage. So ist in der Innenstadt bei sämtlichen Baumaßnahmen mit Bodeneingriffen zunächst die städtische Bodendenkmalpflege gefragt. Sie führt seit ihrer Gründung vor rund 100 Jahren archäologische Ausgrabungen und Baubeobachtungen durch und dokumentiert sämtliche ans Licht geholte Informationen zur Stadtentwicklung und zum Leben der einstigen Bewohner*innen für die spätere wissenschaftliche Auswertung.

Das unterirdische Gedächtnis

Die bei der Ausgrabung angefertigten Beschreibungen, Zeichnungen, Fotografien und Pläne der untersuchten archäologischen Befunde und Funde werden in das Ortsarchiv der Archäologischen Bodendenkmalpflege am Römisch-Germanischen Museum der Stadt Köln übernommen.

Neben den Dokumentationen und Ergebnisberichten eigener Maßnahmen sind hier auch alle anderen ortsbezogenen Informationen zu archäologischen Fundstellen im Stadtgebiet archiviert. Allein für die Kölner Innenstadt liegen weit über 3 000 Fundberichte vor. Deren Umfang reicht von einer knappen einseitigen Fundmeldung bis hin zu einer mehrere Regalmeter umfassenden Ausgrabungsdokumentation. Die frühesten Informationen dieser Art stammen von historischen Beschreibungen und Plänen des 16. Jahrhunderts.

»Vor der Hacke ist es duster«

Die Redensart aus der Bergmannssprae bringt die Ungewissheit zum Ausdruck, was wohl im Boden verborgen sein mag. Für die Archäologen der Kölner Bodendenkmalpflege gilt sie schon lange nicht mehr. Im Gegenteil, denn diese haben in der Regel schon vor dem ersten Spatenstich recht gute Vorstellungen von dem, was sie unter der heutigen Erdoberfläche erwartet.

Zu verdanken ist das den umfangreichen, im Ortsarchiv zusammengetragenen Daten zu den archäologischen Fundstellen. Bei Bauvorhaben wird von den für die Planung der archäologischen Maßnahmen zuständigen Wissenschaftler*innen anhand der archivierten Fundberichte und weiterer Quellen wie historischer Karten, Katasterplänen, Luftbildern und Bauunterlagen zu früheren Baumaßnahmen ermittelt, was sie im Untergrund erwartet. Wie Teile eines Puzzles fügen sie dabei die Ergebnisse früherer Ausgrabungen räumlich zusammen und rekonstruieren das entsprechende, noch fehlende Teil auf Grundlage aller zur Verfügung stehenden Informationen. Unterstützt wird die Arbeit durch ein Geografisches Informationssystem (GIS), eine spezielle Computeranwendung, in der alle verfügbaren raumbezogenen Daten digital zusammengeführt und durch Überlagerung der verschiedenen thematischen und zeitlichen Ebenen gemeinsam ausgewertet werden können. Häufig werden anschließend erste gezielte Bodenerkundungen durchgeführt, um die Vorhersagen abzusichern und zu präzisieren.

So liegen meist schon im Vorfeld der Ausschachtungen sehr genaue Informationen vor, welche Spuren der früheren Nutzung zu erwarten sind. Auch haben die Ausgrabenden vorab Erkenntnisse, in welcher Tiefe die archäologischen Schichten ansetzen, wie hoch diese anstehen und aus welchen Zeitepochen der Stadtgeschichte überhaupt noch Reste erhalten sein können. Die Bodendenkmalpflege nutzt diesen Informationsvorsprung, um zielgerichtete Rettungsgrabungen zu planen und möglichst frühzeitig Bodendenkmäler bestimmen zu können, die aufgrund besonderer stadtgeschichtlicher Bedeutung dauerhaft vor Ort zu erhalten sind.

Unvorhersehbares Wissen

Auch einer der spektakulärsten Ausgrabungen der vergangenen Jahre – 2017, südlich der Schildergasse – gingen entsprechende Recherchen im Ortsarchiv voraus. Diese lieferten unter anderem sehr konkrete Anhaltspunkte zu den auf dem Baugrundstück zu erwartenden Resten des ehemaligen mittelalterlichen Antoniterklosters, dessen Kirche – die Antoniterkirche – heute noch erhalten ist. Im Grundriss der römischen Stadt war das Grundstück im Südwesten des Forums, einer weitläufigen, von monumentalen öffentlichen Gebäuden gefassten Platzanlage, zu verorten. Neben den Resten des mittelalterlichen Klosters und dessen Vorgängers sowie einer Nordsüd verlaufenden römischen Straße waren daher auch ein Ausschnitt der Randbebauung des römischen Forums sowie überwiegend gute Erhaltungsbedingungen zu erwarten. Als bei den mehrmonatigen Ausgrabungen die Grundmauern eines römischen Großbaus freigelegt wurden, der Parallelen zu antiken Bibliotheken in Städten wie Ephesos, Pergamon, Alexandria oder Rom aufweist, wurden die Erwartungen schließlich nicht nur bestätigt, sondern hinsichtlich der Bedeutung des römischen Bauwerkes sogar noch übertroffen.

G. Wagner