Fromme Hoffnung gegen die Wirklichkeit

Bild der 36. Woche - 6. September bis 12. September 2021

Reproduktions-Nr: rba_d037090;
Bildnachweis: Rheinisches Bildarchiv Köln, Schlier, Britta;
Murillo, Bartolomé Esteban, Alte Frau und Junge, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, Inv.-Nr. WRM 2541.

Bartolomé Esteban Murillo (1617/18 - 1682) galt schon zu seiner Lebzeit als ein großer Meister der Malerei. Sein Repertoire umfasste vor allem christliche Themen, wurden jedoch von eindrucksvollen Genrebildern ergänzt. Besonders Murillos Inszenierung von Kindern und Bettlern erzählen eine eigene Realität.

Noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts war Sevilla, Murillos Geburtsstadt, eine wohlhabende Handelsmetropole und das monopolisierte „Tor zur Neuen Welt“: Hier wurden die Güter aus dem kolonialisierten Amerika importiert und die Versorgung der Siedlungen auf dem erschlossenen Kontinent sichergestellt. Doch mit einer Wirtschaftskrise, einem Pestausbruch 1649 und Naturkatastrophen wurde das reiche Sevilla schwer erschüttert. Hungersnot und Armut prägten das Stadtbild - und damit Murillos Alltag.

Die Alte und der Junge: Kitsch oder Tragik?

Mit diesen Eindrücken setzte sich Murillo auseinander und malte großformatige Darstellungen von Straßenkindern und bettelnden Personen. Doch Murillos zahlreiche Kinderbilder geben nicht die Wirklichkeit wieder. So auch im vorliegenden Bild nicht: Es zeigt einen lächelnden Jungen mit rosigen Wangen, der fast schelmisch den Betrachter ansieht und dabei seine Hand fordernd einer alten Frau entgegenhält. Die Frau sitzt auf den Boden mit einem ebenso bettelnd drein schauenden Hund, umklammert einen gefüllten Teller mit der Hand, hält in der anderen einen Löffel und sieht den Jungen mit verzogener Miene gar besorgt an. Es scheint, als wolle sie seiner Forderung nicht nachgeben, ihm nichts von der Speise abgeben. Wieso auch? Der Junge ist makellos und sauber, das breite Lächeln zeigt gesunde Zähne und kontrakariert das Tatsächliche.
Viele Interpretationen lesen darin den damals populären spanischen „Schelmenroman“, andere sehen in der Kinderdarstellung ein wirkliches Vanitasmotiv: Der gesunde, hungrige Junge als Lebensgier. Ein weiterer Gedanke, der sich in der Gesamtschau der noch bekannten Kinderbilder Murillos formt, ist Empathie. Murillo zeigt Straßenkinder, die es so nicht gegeben haben wird, in ihrem Liebreiz und ihrem Schelm, um auf die Situation der wirklich hungernden Gassenbuben und Blumenmädchen aufmerksam zu machen. Die Schutzlosen und Schwächsten in der Gesellschaft, die nicht übersehen werden dürfen. Diese Auslegung deckt sich mit dem Leben des spanischen Malers, der als frommer Mensch viel Geld in karitative Zwecke gesteckt haben soll – und geht unter die Haut.

A. Borggrefe