Der Mond: Ein Objekt der Neugierde

Bild der 45. Woche - 8. November bis 14. November 2021

Tsukioka Yoshitoshi, Der Affenkönig Sun Wuk’ong aus dem chinesischen Roman Reise in den Westen schwingt seinen Zauberstab. Der Hase, der auf dem Mond lebt, springt zu Seite. Aus der Serie: 100 Aspekte des Mondes, Museum für Ostasiatische Kunst, Köln, Inv.-Nr. R 72,34.

Ob in der Literatur, Kunst, Religion oder Forschung – der Mond hat schon immer unsere Neugier geweckt, sodass sich sowohl viele Geschichten, Mythen als auch Verschwörungstheorien um ihn ranken. Schon vor der Mondlandung 1969 haben sich Menschen zu unterschiedlichen Zeiten innerhalb unterschiedlicher Kulturkreise mit diesem mystisch aufgeladenen und somit faszinierenden Himmelskörper beschäftigt.

Ewig und doch wandelbar

Im Laufe der Zeit hat der Blick auf den Mond immer wieder neue Auslegungen erfahren, sodass unser Verhältnis zu ihm stets zwiespältig war - und weiterhin ist. Einerseits bildet der Mond den Hintergrund romantischer Szenen, andererseits wurde er innerhalb der Populärkultur als Ursache für das Erwecken angsteinflößender Werwölfe erklärt. Das Spannende hierbei ist, dass sich diese Interpretationen und Geschichten immer um dasselbe Objekt drehen – eben den Mond. Die Neugier und der Wissensdurst der Menschen erschaffen immer wieder neue Geschichten rund um den vermeintlich vertrauten Planeten.

Der Mond in seinen unterschiedlichen Anschauungen

Betrachtet man die Kulturgeschichte – sowohl die der westlichen Welt als auch die anderer Kulturen – fällt auf, dass der Mond ein oft behandelter Gegenstand gespannter Erwartungen und Faszination ist. Als zentrales Thema zahlreicher Geschichten, Mythen und spirituellen sowie religiösen Anschauungen begegnet er uns in unterschiedlichen Formen. Zieht man die westliche Kulturgeschichte heran, stößt man spätestens in der Romantik auf den Mond, der hier als Sinnbild Gefühle und Befindlichkeiten zum Ausdruck bringt. So greift Johann Wolfgang Goethe in seinem Gedicht „An den Mond“ von 1778 diesen auf. Auch Caspar David Friedrich zeigt in seinen Werken Menschen, die den Mond betrachten. Spannende Darstellungen des Mondes finden sich auch in der Postmoderne wieder, beispielsweise in Science-Fiction-Comics oder -Filmen. Seinen Höhepunkt erlangte die Neugier rund um den Himmelskörper mit der Mondlandung von 1969.

Der Mond ist gleichermaßen innerhalb der asiatischen Kultur zentral und dient aufgrund seines reizenden Charakters als Inspiration für Geschichten und Kunstwerke. Aber auch im religiösen Kontext begegnen wir diesem. So nimmt der Mond im Buddhismus, eine bis heute vor allem in Süd-, Südost- und Ostasien weit verbreitete Weltanschauung und Religion, eine wichtige Rolle ein. Dieser markiert nämlich die Geburt, die Erleuchtung und den Tod von Siddharta Gautama, auch bekannt als Buddha, der als Begründer des Buddhismus gilt. Davon ausgehend wurde der Mond als zentraler Gegenstand zahlreicher Geschichten, Mythen und Darstellungen aufgegriffen. Der Mond ist aber nicht nur ein religiöses Symbol; er fungiert in der Kunst als Mittler von Gefühlen und Stimmungen. Als sinnliches Motiv inspirierte der Mond schon viele ostasiatische Künstler*innen zur Darstellung stimmungsvoller und emotional stark aufgeladener Szenen.

Yoshitoshis 100 Ansichten des Mondes: Neugier weckende Geschichten rund um den Mond

Tsukioka Yoshitoshi (1839-1892), der letzte große Holzschnittmeister der japanischen Ukiyo-e-Tradition, ließ sich ebenfalls von der Faszination rund um den Mond anstecken. In seiner Serie 100 Ansichten des Mondes schafft er es, den Mond nicht nur als stimmungserzeugendes, sondern insbesondere als geschichtenerzählendes Objekt zu inszenieren. Der neugierige Betrachter kann in jeder der 100 Darstellungen einer Geschichte zum Thema Mond auf den Grund gehen. Dabei kann der Mond sowohl direkt im Bild zu sehen oder versteckt in einem Gedicht zu entdecken sein.

In einer Zeit politischer Umbrüche und zunehmend westlicher Einflüsse im Japan des 19. Jahrhunderts entschied sich Yoshitoshi die Geschichte und Mythologie des alten Japans in seinen Farbholzschnitten festzuhalten. Die in den Darstellungen der Serie verarbeiteten Thematiken reichen von der traditionellen japanischen Kultur über Folklore bis hin zur Literatur. In seinem eigenen Stil, der mit seinen leuchtenden Farben und geradlinigen Elementen mit faszinierend kleinen Details an zeitgenössische Comics erinnert, schuf Yoshitoshi mit seiner Serie 100 Ansichten des Mondes eine Fantasie anregende Auseinandersetzung mit dem seit Jahrhunderten Neugier und Faszination hervorrufenden Himmelskörper.

V. Szostakowski