Der „Kölsche Boor en Iser“

Bild der 38. Woche - 20. September bis 26. September 2021

Schulklasse mit Tieren und Devotionalien vor dem Kölschen Boor 1916/17, 1916/1917, Kölnisches Stadtmuseum, Köln, Inv.-Nr. G 29711; Rheinisches Bildarchiv Köln

HALT FASS AM RICH DO
KÖLSCHEN BOOR MAG ET
FALLE SOESS OV SOOR

In der Zeit vom Ersten Weltkrieg entstanden viele „Nagelbilder“ und „Nagelfiguren“. Diese Bilder und Figuren werden heute noch „Kriegsnagelungen“ genannt. Hierfür wurden Figuren, Bretter, aber auch Kreuze oder Säulen aus Holz angefertigt. Gegen eine kleine Spende durften die Menschen dann einen eisernen Nagel dort einhämmern. Auch in Köln gab es eine solche Nagelfigur: Den „Kölschen Boor en Iser“! Das ist Kölsch und auf Hochdeutsch bedeutet das: „Der Kölsche Bauer in Eisen“. Wie es nun zu dem etwas merkwürdigen Foto oben gekommen ist, wird heute hier erzählt…

Krieg bedeutet immer, dass zwei oder mehr Staaten miteinander Streit haben und mit Gewalt versuchen, den anderen zu etwas zu zwingen. Im Jahre 1914 begann ein schrecklicher Krieg, von dem vor allem Länder in Europa betroffen waren. Er dauerte von 1914 bis 1918 und über 17 Millionen Menschen starben dabei. Dieser Krieg wird heute der „Erste Weltkrieg“ genannt, weil er über die ganze Welt verteilt stattfand und weil es 21 Jahre später leider schon wieder einen Weltkrieg gab. Diesen nennt man darum auch den „Zweiten Weltkrieg“.

Beim „Ersten Weltkrieg“ standen auf der einen Seite die sogenannten „Mittelmächte“. Das waren das Deutsche Kaiserreich und Österreich-Ungarn. Das Osmanische Reich und das Königreich Bulgarien schlossen sich ihnen an. Auf der anderen Seite standen die sogenannten „Entente“. (Das ist Französisch und bedeutet „Bündnis zwischen zwei Staaten“ und wird richtig auf Französisch ausgesprochen. Daher wollen wir den Begriff „Alliierte“ nehmen; der lässt sich leichter aussprechen.) Zu den Alliierten gehörten Frankreich, Großbritannien und Russland. Sie wurden unterstützt von Japan, Italien, den USA und noch vielen weiteren Staaten.

Schon knapp ein Jahr nach Kriegsbeginn gab es viele Tote und noch mehr Verletzte. Heute sagen viele Historiker*innen, dass der Erste Weltkrieg eine „Ur-Katastrophe“ gewesen sei, denn man hatte bei diesem Krieg Waffen, mit denen man viele Menschen auf einmal töten oder schwer verletzen konnte. Viele Familien verloren so ihre Väter und Brüder. Manchmal kamen sie aber auch aus dem Krieg zurück und waren so stark verletzt, dass sie nicht mehr arbeiten konnten. Sie mussten oft sehr lange wieder gesund gepflegt werden, doch dafür fehlten den Familien oft das Geld. Auch brauchten die Staaten Geld von den Bürger*innen, damit sie weiter Waffen bauen und die Soldaten an der Front versorgen konnten. Also kam man auf die Idee, Spenden für Witwen und Waisen, aber auch für den Krieg zu sammeln. Als Erstes wurde 1914 die Nagelfigur „Wehrmann in Eisen“ in Wien aufgestellt. Sie stellt einen Ritter mit Helm und Schwert dar. Kurze Zeit später wurden in vielen Städten im Deutschen Kaiserreich ebenfalls Nagelfiguren aufgestellt. Köln durfte dabei natürlich nicht fehlen!

Der bekannte Kölner Firmeninhaber Max von Guilleaume (1866–1932) spendete das Geld zur Herstellung der Figur. Der Bildhauer Wolfgang Wallner (1884–1964) erstellte die Figur aus Lindenholz. Sie stellt einen großen Mann in Rüstung dar, der mit beiden Händen ein in den Boden gerammtes Schlachtschwert links von sich hält. Die Figur wurde noch teilweise in Gold lackiert und dann war es endlich soweit! Am 20. Juni 1915 wurde die 3,25 m große Figur vom damaligen Oberbürgermeister Max Wallraf feierlich eingeweiht. Zur Feier war sogar die Kaiserschwester Victoria Prinzessin von Schaumburg-Lippe anwesend. Die Figur wurde in einen Pavillon auf der Südseite des Gürzenichs aufgestellt. Den Pavillon für den „Kölschen Boor“ hatte der Architekt Franz Brantzky (1871–1945) entworfen. Er ließ in großen Buchstaben die Worte: „HALT FASS AM RICH DO / KÖLSCHEN BOOR MAG ET / FALLE SOESS OV SOOR“ über die Öffnung gravieren. Das bedeutet aus dem Kölschen übersetzt: „Halt fest am Reich, Du Kölscher Bauer, möge es fallen, süß oder sauer“ und sollte die Menschen daran erinnern, durchzuhalten.

Für eine Mark durfte man nun einen eisernen Nagel in die Figur hämmern, sich in ein Buch eintragen und sogar noch ein Foto machen lassen. Eine Mark damals entspricht ungefähr einem Wert von 6 Euro heute und war für viele Menschen in diesen schweren Zeiten sehr viel Geld. Insgesamt spendeten die Kölner*innen 1,6 Millionen Mark und auch Schüler*innen aus allen Kölner Schulen sammelten Geld für den „Kölschen Boor“. Hatten sie kein Geld, brachten sie auch schon einmal Tiere vom Bauernhof ihrer Eltern mit. Das war aber schon eher selten. Auf dem Foto sehen wir einen dieser seltenen Momente: Die Schulklasse einer Kölner Knabenschule, alle in ihren Sonntagskleidern herausgeputzt und frisch gekämmt, wie sie vor dem Pavillon mit dem „Kölschen Boor en Iser“ mit ihren Spenden auf den Armen posieren. Eigentlich ein lustiges Foto, wenn der Grund nicht ein schrecklicher Krieg mit vielen Toten, Verletzten, Hunger und Not leidenden Menschen und schlimmen Folgen gewesen wäre...

İ.S. Krutsch