Die Fibel „So geht’s schnell!“: eine Kölner Lehrerin bringt die jüdischen Feiertage ins Schulbuch

Bild der 37. Woche - 13. September bis 19. September 2021

Marx, Cilli / Jüdischer Lehrer-Verband in Deutschland. "So geht's schnell!". Die Fibel für unsere Kleinen, Leipzig 1936, S. 58. © Courtesy of the Leo Baeck Institute, New York

Marx, Cilli / Jüdischer Lehrer-Verband in Deutschland. "So geht's schnell!". Die Fibel für unsere Kleinen, Leipzig 1936, S. 58. © Courtesy of the Leo Baeck Institute, New York

Nach dem Beginn des neuen Jahres 5782 nach jüdischer Zeitrechnung mit dem Feiertag Rosch ha-Schana begehen Jüdinnen*Juden in dieser Woche den wichtigsten Festtag: Jom Kippur, auch Versöhnungstag genannt. Für viele, religiös oder nicht, ist es ein Tag der Einkehr, des Vergebens und Verzeihens. Das Fest der Versöhnung beginnt in diesem Jahr am Abend des 15. September und endet einen Tag später. Am Versöhnungstag steht neben Fasten und Ruhen der Gottesdienst in der Synagoge im Vordergrund, denn an diesem Tag schreibt Gott die Menschen in das „Buch des Lebens“ ein. Aus diesem Grund sollten sich Jüdinnen*Juden mit denjenigen versöhnen, mit denen sie im vergangenen Jahr im Streit lagen. Mit dem Blasen des Schofars, eines Widderhornes, endet der Festtag.

Das Bild der Woche zeigt eine Seite aus der Fibel „So geht’s schnell“ für Schüler*innen an jüdischen Schulen aus dem Jahr 1936. Nachdem jüdische Schulen während des Nationalsozialismus die bis dahin eingesetzte „Domfibel“ nicht länger nutzen durften, beauftragte der jüdische Lehrerverband Cilli Marx (1893–1972) damit, ein neues Schulbuch zu schreiben. Sie war bis 1939 Lehrerin an der Städtischen Israelitischen Volksschule in der Lützowstraße 8–10 in Köln und engagierte sich zudem im Jüdischen Frauenbund. Sie hatte das zuvor genutzte Lehrbuch mitverfasst und genoss hohes Ansehen für ihre pädagogische Arbeit. Das neue Schulbuch war für den Unterricht in jüdischen Schulen vorgesehen, musste jedoch vor der Veröffentlichung überarbeitet werden: die hellen Haare der gezeichneten Kinder mussten erst schwarz gefärbt und Juden als körperlich schwächere Menschen gezeigt werden, bevor die Fibel im Jahr 1936 veröffentlicht werden durfte.
Das Schulbuch ist in drei Teile gegliedert: Nach einer Einführung in die Sütterlinschrift lernen Schüler*innen die Laute und den Umgang mit ihnen kennen. Zusätzliche Texte fördern anschließend die Lesefähigkeit und greifen oftmals Themen des jüdischen Lebens oder der jüdischen Religion auf. Die Illustrationen der jüdischen Künstler Otto Schloss und Walter Herzberg zeigen beispielsweise eine Familie bei der Schabbat-Feier oder das Entzünden der Kerzen an Chanukka.

Das Bild dieser Woche zeigt den Abschnitt über die jüdischen Feiertage auf Seite 58 der Fibel, welche vollumfänglich als Digitalisat über das Leo Baeck Institute New York eingesehen werden kann.

Cilli Marx emigrierte im Jahr 1939 nach Großbritannien und konnte im Exil wieder als Deutschlehrerin arbeiten.

S. Bornheim, C. Pinon