Freisein zu malen. Die Künstlerin Marta Hegemann

Bild der 46. Woche - 15. November bis 21. November 2021

August Sander: Malerin (Marta Hegemann), 1925, Museum Ludwig, Köln; Bildnachweis: Rheinisches Bildarchiv Köln

Die Malerin Marta Hegemann und der Fotograf August Sander bewegten sich in den 1920er Jahren in den gleichen Kölner Künstlerkreisen. Sie feierten gemeinsam Karneval, sie waren einander bekannt, wenn nicht vertraut.

Dieses Porträt entstand im Rahmen eines groß angelegten Versuchs, die Menschen des 20. Jahrhunderts fotografisch zu porträtieren, diese Aufnahmen zu Themengruppen zu sortieren und so das „Antlitz der Zeit“ festzuhalten. Ein ähnliches Porträt von Marta Hegemann wie das hier gezeigte nahm Sander in die Themengruppe „Die Frau im geistigen und praktischen Beruf“ auf, allerdings ohne Gesichtsbemalung. Marta Hegemann – zu der Zeit hieß sie bereits Räderscheidt mit Nachnamen – posierte an dem Tag vor August Sanders Kamera mal mit, mal ohne ihren Ehemann, mal mit, mal ohne Gesichtsbemalung. Eine weitere Aufnahme aus der Reihe fand Verwendung in Marta Hegemanns Führerschein. In einem Brief aus dem Jahr der Aufnahme, 1925, schrieb Sander: „Mit Hilfe der reinen Photographie ist es uns möglich, Bildnisse zu schaffen, die die Betreffenden unbedingt wahrheitsgetreu und in ihrer ganzen Psychologie wiedergeben.“ Schauen wir also hin. Denn Marta Hegemann gilt es immer noch zu entdecken.

Hegemanns Werk umfasst Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, Kunsthandwerk. Stilistisch wurde sie mit dem Dadaismus assoziiert, mit dem magischen Realismus. In kulissenartigen Szenen tauchen immer wieder die gleichen Elemente auf: „Ich ent¬deck¬te den Schirm, die Lampe, das Buch, die Kirche, die Taube, kleines Pferd, Schiff, Tänzerin, Brief, Hände, Münder und alles das in mildem Licht. All das sind Insignien“, schrieb sie. Die Rolle der emanzipierten Frau in der Gesellschaft war ihr zentrales Thema, sowohl in der Kunst als auch in ihrem gesellschaftspolitischen Engagement wie innerhalb der „Gemeinschaft deutscher und österreichischer Künstlerinnenvereine“. Als „Befreiungsikonografie“ wurden ihre Bildembleme später bezeichnet. Das Jahr 1925 war in Hegemanns kurzer künstlerischen Karriere ein wichtiges: Ihre Werke wurden gezeigt in Köln, Düsseldorf, Berlin, Dresden und Chemnitz. Sie wurde deutschlandweit wahrgenommen. Luise Straus-Ernst, Freundin und Kunstkritikerin, hob immer wieder die Qualität ihres Werkes hervor, Franz Roh zollte ihr Beachtung. Mit dem Wahlsieg der Nationalsozialisten jedoch endete diese Karriere. 1970 starb sie in Köln. Was bekannt ist über ihre Biografie, lässt sich online nachlesen.

Daher hier nun zurück zum Porträt. Warum dieses Porträt als Bild des Monats? Weil es ungewöhnlich ist. Es ist sachlich – und August Sander gilt quasi als „Vorzeigefotograf“ der sachlichen Fotografie der Weimarer Republik – und zugleich ist es performativ. Body art? Wir wissen nicht, wie es zur Gesichtsbemalung kam, von wem der Impuls ausging. Aber es sind die Embleme ihrer Kunst, die wir hier wiederfinden: Zwei Vögel, ein Kreuz, dazu ein Punkt. Marta Hegemann inszenierte sich hier mit ihren Symbolen der Freiheit, gab nicht viel auf geordnete Kleidung, trug selbstbewusst eine Bubikopffrisur. Sie scheint das Porträt aktiv mitgestaltet zu haben, indem sie ein Bild im Bild anbietet, dass sie nicht nur zum Objekt einer Darstellung macht, sondern zur Trägerin einer Botschaft. Diese Form der Selbstermächtigung ist ungewöhnlich in August Sanders Werk. Sie zeigt uns, dass Marta Hegemann etwas zu sagen hat. Und zwar bis heute.

M. Szwast