Die weibliche Schrift

Bild der 44. Woche - 1. November bis 7. November 2021

Aurelius Augustinus: Enarrationes in psalmos (Die Psalmenkommentare des Kirchenvaters Augustinus), Chelles, Abtei Notre-Dame, um 800
Köln, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek, Cod. 67, fol. 2v.

Leuchtend orangene Hohlkapitale, die von rot-grün-gelb-farbigen Flecht- und Schlangenbändern gefüllt werden; eine I-Initiale, die in einem sich verjüngenden Blatt endet; bunt geschuppte Fische, die sich in ihren Mäulern verbeißen und die Form eines E bilden – Codex 67 der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek in Köln bietet auf Folio 2v eine außerordentlich prachtvolle Eröffnung des folgenden Textes. Die Handschrift bildet den Abschluss eines insgesamt dreibändigen Kommentars zu den 150 alttestamentarischen Psalmen des Kirchenvaters Augustinus von Hippo, der um 800 vermutlich vom Kölner Erzbischof Hildebald († 818) in Auftrag gegeben und in der nordfranzösischen Abtei Notre-Dame in Chelles bei Paris hergestellt wurde (Cod. 63, 65, 67).

Allen drei Manuskripten gemeinsam ist die allgemeine Gestaltung des Schriftspiegels: 34 Zeilen im leichten Flattersatz bilden in der Regel eine Seite. Gut sichtbar zeigt sich die mit einem Metallgriffel in das Pergament eingeritzte schmale Versalienspalte am linken Seitenrand, die allein für die Großbuchstaben eines neuen Absatzes vorgesehen war und den restlichen Text so gleichzeitig einrückte. Große, über mehrere Zeilen hinausreichende, rot konturierte und farbig gefasste Initialen markieren den Beginn eines neuen Psalms, dessen Zitat allen Kommentaren vorangestellt erscheint. Wie die Überschriften sind diese zur optischen Hervorhebung in einer unzialen Schrift (gerundete Großbuchstaben) aus einer orangenen Farbe aus Menning ausgeführt, während der anschließende Fließtext in einer frühkarolingischen Minuskel (Kleinbuchstaben) in brauner bis schwarzer Tinte geschrieben wurde. Für das Schriftbild besonders charakteristisch erweist sich die Ausarbeitung des Großbuchstabens Q, der wie die lateinische Zahl 2 anmutet. Rubrizierungen, das heißt rote Auszeichnungen einzelner Buchstaben oder Wörter, sind nicht immer konsequent durchgeführt worden; in manchen Teilen wurde diese Technik der Markierung offenbar wiederholt vergessen.

Der in den übrigen Aspekten einheitlich angelegten formalen Gestaltung der drei Handschriften steht eine differente Verteilung des buchmalerischen Schmucks gegenüber. Aufwändige künstlerische Elemente finden sich allein in der eingangs beschriebenen Eröffnungsseite von Codex 67, der aus kunsthistorischer Sicht somit eine besondere Stellung einnimmt. Dabei zeichnen sich die Initialen nicht nur durch ihre hochwertige Ausführung mit einer außerordentlich leuchtenden Farbigkeit aus; mit der sehr bewusst gewählten Ornamentik des Flecht- und Schlangenbandes wird hier zugleich eindeutig auf die Kenntnis der insularen Buchmalerei verwiesen, in deren Tradition man sich auf diese Weise einzuschreiben pflegte. Codex 67 gilt als ein herausragendes Beispiel für die Buchmalerei aus dem Skriptorium (mittelalterliche Klosterschreibstube) von Chelles, das zu dieser Blütezeit unter der Leitung von Äbtissin Gisela (amt. etwa 788–810), der Schwester Karls des Großen, stand.

Neben ihrer künstlerischen Bedeutung stellen alle drei karolingischen Codices als Konvolut zudem ein wichtiges Zeugnis für die Produktion von mittelalterlichen Handschriften dar. Im Gegensatz zu den meisten erhaltenen Werken, die nur namenlos überliefert sind, enthalten Codex 63, 65 und 67 insgesamt 10 Namen derjenigen Nonnen, die die Bände um 800 im Kloster Notre-Dame in Chelles abgeschrieben und ausgemalt haben. Am Ende der jeweils von ihnen gefertigten Lagen unterzeichneten Girbalda, Gislildis, Agleberta, Adruhic, Altildis, Gisledrudis, Eusebia, Vera und Agnes sowie eine weitere unbekannte Nonne ihre sorgfältige Schreibarbeit mit ihrem vollen Namen. Ebenso wie in sehr vielen anderen mittelalterlichen Klöstern lag die Herstellung von Manuskripten auch in der nordfranzösischen Abtei in Chelles in Frauenhand – ein Aspekt, der lange Zeit von der Forschung nicht oder nur vereinzelt in den Blick genommen wurde und nun im Museum Schnütgen in Kooperation mit der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek Köln in der Ausstellung Von Frauenhand. Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen thematisiert wird.

Ann-Kathrin Illmann