Provokation und Haltung

Bild der 24. Woche - 14. Juni bis 20. Juni 2021

Rheinisches Bildarchiv Köln, Immendorff, Jörg, Café Deutschland I, Museum Ludwig, Köln, Inv.-Nr. ML 01431

Zum Geburtstag des 2007 verstorbenen Malers und politischen Aktivisten Jörg Immendorff lohnt der Blick auf seinen weltweit erfolgreichen, großformatigen Bilderzyklus „Café Deutschland“, der in den Jahren 1977-1982 entstand und sein Kernthema dieser Zeit verhandelt: Die für Immendorff unerträgliche Teilung Deutschlands.

„Ich war […] der Einzige, der beinahe exzessiv gegen die Teilung angemalt hat.“ So wird Jörg Immendorff oft zitiert. Sein erstes Bild der Reihe, „Café Deutschland I“ besteht aus verschiedenen Ebenen, die zusammengesehen einem Theaterstück gleichen und die Anfänge des späteren Beuys Schülers als Bühnenbildmaler erkennen lassen. Inspiration des Settings war Renato Guttusos „Caffè Greco“, welches Immendorff auf der letzten Biennale in Venedig 1976 zu Gesicht bekam.

Seine Anlehnung an Guttusos war jedoch lauter und mehrdimsenional. Je länger man das Gemälde „Café Deutschland I“ betrachtet, umso mehr Details fallen einem ins Auge: Im rechten Bildrand sind Männer in Lederkluft an den Tresen und nackte Frauen im Hintergrund zu erkennen und erinnern an die Kneipenszene und Rotlichtmilieus in westdeutschen Großstädten. Im oberen Drittel ist der Dramatiker Bertold Brecht auszumachen, der die Szenerie hinter dem Scheinwerfer beobachtet. Im Vordergrund und zentral im Bild ist Jörg Immendorff selbst, damals auch oft in Lederjacke gekleidet, welcher mit seinem eigenen Arm eine Mauer durchschlägt und in der anderen Hand den Pinsel hält. Blickt man über ihn, erkennt man das Schwarz-Rot-Gold der deutschen Flagge, das mit Logographie – vielleicht mit maoistischen Symbolen – übermalt wird. In der linken Hälfte schneidet ein Totempfahl mit Soldaten- und Panzermotiven das Bild, während dahinter die überdimensionierten Krallen eines Adlers die Reste eines Hakenkreuzes ergreifen.

Die stark aufgeladenen und erzählenden Symboliken des Bildes sind direkte Konfrontationen mit dem Ost-West—Konflikt jener Zeit. Für Immendorff, der sich darin selbst als Akteur portraitiert hat, musste die Kunst politisch sein. Sein Aktivismus fand bereits früh nicht nur auf Leinwänden, sondern auf den Straßen stand: das Aktionsprojekt LIDL, sein Engagement in der Außerparlamentarischen Opposition und weiteren sozialistischen Gruppen prägen ihn. Seine provokanten Kunstaktionen begleiten sein Werk als freien Künstler und bleiben bis zu seiner ALS-Diagnose 1998 vor allem gesellschaftskritisch.

A. Borggrefe