Luise Straus-Ernst – Das bewegte Leben einer Kölnerin

Bild der 10. Woche - 8. März bis 14. März 2021

Ronit Porat, Luise Straus-Ernst auf Gruppenfoto mit Hans Hansen, Max Ernst, Richard Straus und Johannes Theodor Baargeld, Köln, um 1919 / Max Ernst Museum Brühl des LVR, Stiftung Max Ernst, aus der Ausstellung „Ronit Porat Paradiesvogel – Artist meets Archive“ in Kooperation mit der Internationalen Photoszene Köln, 2019.

Der Zusatz „erste Ehefrau von Max Ernst“ haftet Luise Straus-Ernst bis heute an. Doch war sie weitaus mehr als das. Kunsthistorikerin, Dadaistin, Journalistin, Kulturkritikerin, Jüdin und Mutter – all das war Luise Straus-Ernst (1893-1944), genannt Lou, die am 2. Dezember 1893 als Tochter eines Hutfabrikanten in Köln geboren wurde. Zum diesjährigen Weltfrauentag wollen wir uns ihr Leben und ihre Verdienste um die Kölner Kulturlandschaft einmal genauer ansehen.

Seit ihrer Jugend hatte sie eine Vorliebe für die Kunst, insbesondere für die niederländische Malerei. Ihrer Passion folgend, studierte sie Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie in Bonn, wo sie ihren späteren Ehemann Max Ernst kennenlernte. Mitten im Ersten Weltkrieg, 1916, schloss sie ihr Studium mit einer Doktorarbeit über die Kölner Goldschmiedekunst des 12. Jahrhunderts ab und wurde so zur ersten promovierten Kunsthistorikerin der Universität Bonn. Die christliche Kunst, Ikonographie und die Architektur der romanischen Kirchen, insbesondere Groß St. Martin, faszinierten sie. Mit ihrer Promotion qualifizierte sich Lou für eine Stelle als wissenschaftliche Hilfsarbeiterin im Kölner Wallraf-Richartz-Museum.

Während des Krieges war der Museumsbetrieb im Wallraf stark eingeschränkt und teilweise geschlossen. Hinzu kam, dass die Heizung zeitweise ausfiel und der Etat gekürzt wurde – an Ankäufe war in diesen Zeiten nicht zu denken. Die von Dr. Luise Straus kuratierte Schau Alte Kriegsdarstellungen. Graphik des 15. bis 18. Jahrhunderts war eine von wenigen Ausstellungen in Kriegszeiten. Präsentationen mit kriegsbezogenen Themen, die vor allem zur geistigen Mobilisierung der Bevölkerung dienen sollten, waren zeitgemäß. Luise Straus versammelte 128 Graphiken, von Albrecht Dürer bis Daniel Chodowiecki, die keineswegs den Krieg verherrlichten. Trotz zunehmender nationalistischer und antisemitischer Stimmung, auch seitens der Museumsleitung, berücksichtigte die Kuratorin internationale Künstler und stellte mit Antoinette Bouzonnet Stella sogar das Werk einer Frau aus. Nach dem Tod des Direktors Joseph Poppelreuter 1919, übernahm Lou Straus für kurze Zeit die kommissarische Leitung des Museums. Ende 1919 beendete sie ihre hauptberufliche Arbeit im Walraff-Richartz-Museum – der genaue Grund für ihre Kündigung ist nicht bekannt. Dem Museum blieb sich als Führerin weiterhin erhalten.

Im Jahr 1918 heirateten Max Ernst und Luise Straus, die sich seit dem Luise Straus-Ernst nannte. Die gemeinsame Wohnung am Kaiser-Wilhelm-Ring 14 etablierte sich bald zum Treffpunkt junger radikaler Maler, Schriftsteller, Journalisten, Grafiker und Architekten, die mit „der Zertrümmerung alles Althergebrachten“ eine Revolution der Kunst planten. Luise war neben ihren Aufgaben als Hausfrau als Schriftführerin der DADA-Gruppe tätig.

Zwei Jahre nach der Geburt ihres einzigen Kindes Jimmy 1920 wurde die Ehe geschieden. Max Ernst verließ die Familie und ging nach Paris, wo er im Kreis der Surrealisten und Dadaisten berühmt wurde. Einige Jahre später nahm Luise Straus, nun als alleinerziehende Mutter, ihre professionelle Arbeit wieder auf und entwickelte sich zu einer der prominentesten Kulturjournalistinnen der Weimarer Zeit und einer wichtigen Figur der progressiven Kunstszene im Rheinland. Im April 1933 wurde Luise Straus ihre Stelle als Museumsführerin im Walraff-Richartz-Museum aufgrund ihrer jüdischen Herkunft gekündigt. Sie floh ins Pariser Exil, wo sie 1941 ihre Autobiografie Nomadengut verfasste. In einem der letzten Züge wurde sie von Frankreich ins Konzentrationslager Ausschwitz deportiert und dort, vermutlich Anfang Juli 1944, ermordet.

100 Jahre nach Luise Straus-Ernsts Ausstellung würdigte das Wallraf-Richartz-Museum mit „1917. In Erinnerung an Luise Straus-Ernst. Die Rekonstruktion ihrer Kriegsausstellung im Wallraf“ ihre Verdienste. Die israelische Künstlerin Ronit Porat (*1975) befasste sich in ihrer Arbeit in der graphischen Sammlung des Kölnischen Stadtmuseums ebenfalls mit dem Leben und dem Werk von Straus-Ernst. In ihren dadaistisch anmutenden Fotomontagen und Collagen riss die Künstlerin Archivmaterial auseinander und setzte es zu neuen Narrativen zusammen. Als Symbol dieser Uneindeutigkeit von Realität und Konstruktion steht die Form des Vollmondes. In der hier dargestellten Collage sehen wir Lou, umgeben von Hans Hansen, Max Ernst, Richard Straus und Johannes Theodor Baargeld in Köln um 1919. Die männlichen Gesichter verschwinden hinter bunten Monden und geben Luise die Aufmerksamkeit, die ihr zeitlebens der Schatten ihres berühmten (Ex-) Mannes genommen hatte. Andererseits wirkt sie in Porats Collage auch allein und isoliert, was auf die Einsamkeit, die sie kurz vor ihrem Tod 1944 in Ausschwitz gespürt haben muss, hindeuten könnte.

A. Krätz