Karneval zwischen Dom und Zuckerhut

Bild der 08. Woche - 22. Februar bis 28. Februar 2021

Erwin von Dessauer – Karneval in Rio, um 1933/40, Print, Schwarz-weiß Fotographie, Museum Ludwig, Köln / Foto: Rheinisches Bildarchiv 

Frontal blickt uns durch die Kamera ein wohl dunkelhäutiger Mann an. Sein Gesicht nimmt allerdings nur einen kleinen Teil der Schwarz-weiß-Fotographie ein. Der Großteil wird von seiner prunkvollen Kostümierung bestimmt: um seinen Hals hängen unzählige Perlenketten; seine Kopfbedeckung, unter der dunkle, lange Haare zum Vorschein kommen, ist mit kreisrunden Ornamenten geschmückt, die mit feinen Ketten verbunden sind und sich auch über das pompöse Federkostüm erstrecken, das ihn komplett einrahmt und dessen Farbfröhlichkeit der Vorstellungskraft des Betrachters überlassen bleibt. Deutlich wird zumindest schnell, dass diese Karnevalsaufnahme nicht aus Köln stammt. Erwin von Dessauer, ein 1907 in Chile geborener Fotograph deutscher Abstammung, nahm das Bild zwischen den Jahren 1933 und 40 zur Karnevalszeit in Rio de Janeiro auf.

Kolonialherren und Karneval

Die Anfänge des Karnevals kamen zusammen mit den portugiesischen Kolonialherren nach Brasilien. Als ‚Entrudo‘ bestand er zu dieser Zeit noch aus lockeren Trinkgelagen. Später bildeten sich verschiedene Traditionen aus. Während die reicheren Schichten sich gegenseitig mit sogenannten limões-de-cheiro – kleinen mit parfümiertem Wasser gefüllten Wachsbällchen – bewarfen, taten es ihnen die Ärmeren und Sklaven in den Straßen mit Lehm oder Wasser gleich. So wurde der Karneval zwar von allen begangen, aber nicht gemeinsam. Dass die schwarze Bevölkerung partizipierte war in einer Kolonialgesellschaft nicht vorgesehen und endete erst mit dem Erfolg der Abolition.

Nach der Unabhängigkeit 1822 wandte sich das Land von Portugal ab, orientierte sich im Karneval vor allem an Paris. 1840 fand in Rio der erste Maskenball, 1855 der erste Umzug einer Karnevalsgesellschaft statt. Diese Gesellschaft war eine Vereinigung der hauptstädtischen Eliten, die versuchten, den Karneval nach ihren Vorstellungen zu institutionalisieren. Mit Erfolg: 1875 zogen bereits 253 Wagen durch die Stadt. Im 20. Jahrhundert, zu dessen Beginn sich viele Traditionsformen ausbildeten, die den Karneval in Rio bis heute prägen – umherziehende Musik- und Rhythmusgruppen, die berühmten Sambaschulen – eroberte die breite Gesellschaft den Karneval zurück. In der Ära des Modernismus wird er zu einem gemeinsamen Fest und prägt eine gesamtbrasilianische Identität.

Karneval nach Kölner Vorbild

In Köln findet die Fastnacht erstmals 1341 Erwähnung. Auch hier beschreiben die Quellen zu Beginn vor allem Mahle und Gelage. Traditionen wie Umherziehen, Heischen und Verkleiden entwickelten sich im Laufe des 15. Jahrhunderts. Später kamen auch in Köln die Maskenbälle auf. Ende des 18. Jahrhundert war erst einmal Schluss mit Karneval – während der Besetzung der Rheinlande verboten, wurde der Straßenkarneval erst 1801 wieder gestattet. Bis dato bedeutete dies allerdings kein einheitliches Treiben, alle Traditionen wurden mehr oder weniger unabhängig voneinander begangen.

Dies änderte sich mit der Kölner Fastnachtsreform von 1823. Wie auch in Rio geschah dies auf Initiative der Elite. Ihr sollte die Organisation in Zukunft zufallen. Es wurden Komitees und Räte gegründet. Im Februar 1823 ging erstmals der Maskenzug durch Köln. Auch die Idee eines wechselnden Zugmottos stammt aus dieser Zeit. Die Kölner Reform fungierte dabei als Vorbild für das gesamte Rheinland.

Im folgenden Jahrhundert musste der Karneval während des 1. Weltkrieges und in den Nachkriegsjahren ruhen. Die Weltwirtschaftskrise sorgte für eine erneute Pause, zwischen 1930 und 32 fand in Köln kein Zug statt. 1933 schließlich, in dem Jahr, in dem von Dessauer nach Rio ging, fand der vorerst letzte Rosenmontagszug ohne Einflussnahme der Nationalsozialisten statt.

Karneval knüpft Bande

Seit 2011 ist die Verbundenheit institutionalisiert: Rio wurde Kölns 22. Partnerstadt. Seither kooperieren beide u.a. in den Bereichen Wirtschaft, Tourismus, Klimaschutz und Kultur. 2013 fand die Zusammenarbeit im Motto der Session ‚Fastelovend em Blot – he und am Zuckerhut‘ Ausdruck, als u.a. brasilianische Sambatänzer den Gürzenich übernahmen.

A. Glettenberg