Ein Weltenbummler zu Gast in Köln

Bild der 40. Woche - 5. Oktober bis 11. Oktober 2020

James Webb, Ansicht von Köln mit dem unvollendeten Dom, 1870, Öl auf Leinwand, 183 x 275 cm, Privatbesitz, Foto: VAN HAM Kunstauktionen/Saša Fuis Photographie

Als es James Webb (1835–1895), den englischen Weltenbummler und Landschaftsmaler von Rang im Jahr 1869 nach Köln verschlägt, geht wohl des Künstlers Fantasie ein wenig mit ihm durch – auf seinem monumentalen, unter dem Eindruck des Aufenthalts entstandenen, Köln Panorama verpasst er der rheinischen Metropole einen fast schon orientalischen Anstrich: Vor der imposanten Kulisse von Groß St. Martin, Bollwerk und Stapelhaus drängt sich auf dem Wasser, am Deutzer und am Ufer gegenüber ein Knäuel aus Lastkähnen und Segelschiffen.

Die Menschen machen das kontrollierte Chaos komplett – Ladungen werden gelöscht, lebhaft wird gehandelt und gefeilscht. Über allem Gewusel thront unter dramatisch bewölktem Himmel mächtig und still der damals noch unvollendete Dom. Turmlos und bereits ohne den hölzernen Baukran, der nach fast 500 Jahren auf der ewigen Baustelle zum Wahrzeichen der Stadt geworden war. 1868 muss er weichen, er steht den nächsten Arbeitsschritten im Weg. Ansonsten – vom Fortschritt keine Spur: Von den Dampfschiffen auf dem Rheinstrom, vom zeitgleichen Aufschwung der Eisenbahn will Webb nichts wissen – sein Blick auf Köln ist der Zeit entrückt, durch und durch romantisch geprägt. Links im Bild erhebt sich der Turm des Historische Rathauses und hier schließt sich der Kreis: James Webbs kühner Blick auf die Stadt hat künftig genau an diesem Ort seinen Ehrenplatz – als Dauerleihgabe eines engagierten Kölner Bürgers, der es in aller Bescheidenheit vorzieht, ungenannt zu bleiben.

R. Müller