Auf verschlungenen Pfaden

Bild der 35. Woche - 31. August bis 6. September 2020

Deckelbecher mit Darstellungen der Planetengötter, Deutschland, spätes 16. Jh., Foto: © Karl Tobias Friedrich/MAKK

Die Herkunftsgeschichte des Häufebechers

Seit über 80 Jahren befindet sich der wertvolle Deckelpokal nun schon im Besitz des Museums für Angewandte Kunst Köln (MAKK). Genauer gesagt, ist der Häufebecher seit 1938 Bestandteil der Sammlung – und damit ein klarer Fall für die Provenienzforschung. Aufwendige Untersuchungen brachten kürzlich die verworrene Herkunftsgeschichte des Bechers ans Licht.

Mit einer Höhe von gerade einmal 14,5 cm zählt der feuervergoldete Häufebecher sicherlich zu den kleineren Objekten der umfangreichen Sammlung des MAKK. Und doch kann er aufgrund seiner prunkvollen Verzierungen kaum übersehen werden: Besonders auffällig sind die farbigen Darstellungen der sieben Planetengötter – Apoll, Luna, Mars, Merkur, Saturn, Venus und Jupiter. Hergestellt wurde der Becher vor rund 400 Jahren in einer Nürnberger Werkstatt aus getriebenem, teils graviertem, teils gegossenem Silber. Die umlaufenden Götterdarstellungen sind als sogenannte Amelierungen mithilfe der Technik der Hinterglasmalerei hinter sehr reinem Bergkristall gesetzt.

1938: Ein politisch motiviertes Tauschgeschäft

Im vergangenen Jahr fiel dem MAKK beim Durchsehen des Inventarbuches ein ungewöhnlicher Eintrag zum Häufebecher ins Auge: Der Wert des Bechers war in den Aufzeichnungen mit 15.000 RM auffällig hoch angesetzt und zunächst als Ankauf, dann nachträglich doch noch als Schenkung eines Kunsthändlers ausgewiesen. Besagter Kunsthändler – der aus Luzern stammende Theodor Fischer (1878-1957) – war eine der zentralen Figuren für den Handel mit NS-Raubkunst in der Schweiz. Diese Entdeckung gab schließlich den Anstoß für weitere Untersuchungen.

Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten war die Obrigkeit der Stadt Köln sehr darum bemüht, sich mit dem mächtigen Ministerpräsidenten Hermann Göring (1893-1946) gut zu stellen. Aus diesem Grund schenkte man Göring im Frühsommer 1938 das kostbare Gemälde „Maria mit dem Kinde“ von Lucas Cranach d.Ä. zur Geburt seiner Tochter. Problematisch daran war nur, dass das Gemälde schon verschenkt war, bevor es sich überhaupt im Besitz der Stadt befand. Denn die Stadt Köln konnte die notwendige Devisengenehmigung für den Ankauf beim Schweizer Kunsthändler Theodor Fischer nicht bekommen, sodass – in aller Stille – eine andere Lösung gefunden werden musste.

Die Stadt Köln bot Fischer schließlich an, sich gleichwertige Gemälde aus dem Wallraf-Richartz-Museum (WRM) auszusuchen. Nach längeren Verhandlungen wurde eine Einigung gefunden. Da das von Fischer ausgewählte Gemälde aus dem WRM allerdings um einiges mehr wert war, musste der Kunsthändler der Stadt Köln im Gegenzug weitere Werke aushändigen, um die Differenz auszugleichen. Teil dieses Tauschgeschäftes war schließlich auch der oben gezeigte Häufebecher, der sich heute im Besitz des MAKK befindet.

Dass die Wahl dabei auf den Becher fiel, war jedoch kein Zufall: Dr. Adolf Feulner (1884-1945), Generaldirektor der kunstgewerblichen Sammlungen, hatte bereits Anfang des Jahres 1938 ein Auge auf den prachtvollen Häufebecher geworfen und ihn zur Ansicht nach Köln bestellt. Aufgrund des horrenden Preises, war ein Ankauf aber wohl vorerst aufgeschoben worden. Dank des politisch motivierten Tauschgeschäftes löste sich die Frage der Finanzierbarkeit jedoch schließlich in Luft auf.

Förderprojekt Provenienzforschung „NS-Raubkunst“ startet im MAKK

Im MAKK startete im Juli 2020 mit Unterstützung der Referentenstelle für Provenienzforschung im Dezernat für Kunst und Kultur ein zweijähriges Forschungsprojekt im Bereich „NS-Raubkunst“. In diesem Rahmen werden 396 Objekte von der Kunsthistorikerin Dr. Iris Metje überprüft, die in den Jahren von 1933 bis 1940 der Sammlung des Kunstgewerbemuseums (heute MAKK) zugegangen sind. Förderer des Projektes ist das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste. Wer sich weiter über den aktuellen Forschungsstand auf dem Laufenden halten will, kann die Zwischenergebnisse auf der Website des MAKK einsehen.

L. Wirges