Anno 1813: Die Stadt als Geschichtsbuch

Bild der 36. Woche - 7. September bis 13. September 2020

Französisches Straßenverzeichnis für Köln („Tableau des noms de rues, places, quais, boulevards et remparts de la ville de Cologne...“), Januar 1813, Druckerei Th. F. Thiriart, Köln, Kölnisches Stadtmuseum (Foto: Rheinisches Bildarchiv)

Eine gedruckte Liste? Auf den ersten Blick ein eher sprödes Exponat. Aber diese Liste hat es in sich! Wir schreiben das Jahr 1813. Köln ist französisch und soll endlich ein vernünftiges Straßenverzeichnis bekommen. In Deutsch und Französisch. Mit Hausnummern! Das ist auch dringend nötig: 45.000 Einwohner in einem Gewirr aus Gassen, deren Namen sich nur ungefähr an der Nähe von Kirchen oder an alten Berufsbezeichnungen orientieren. Ein ziemliches Chaos.

Nur: Vertraue eine solche Neuordnung niemals einem Professor an! Der macht es nämlich so gründlich, dass es ewig dauert. Entnervt entzieht der Präfekt dem nörgelndem Franz Ferdinand Wallraf das Verzeichnis, damit es endlich in Druck gehen kann.

Denn der emsige Gelehrte benennt viel mehr Straßen um und neu, als überhaupt gefordert ist. Er betont Kölns römische und fränkische Wurzeln – und damit die Verbundenheit mit Frankreich: Aus dem Malzbüchel wird die „Place Agrippine / Agrippinaplatz“ (erste Spalte Mitte). Und Köln erhält seinen ersten Chlodwigplatz, die „Place Clovis“ (erste Spalte Mitte). Denn hier an den Ufern des Rheins sieht Wallraf „die Wiege der fränkischen Monarchie“.

Radikal tilgt er Straßennamen, die er „vulgär“ oder „lächerlich“ findet. Die „Würde Kölns“ ist ihm wichtiger als die historische Wahrheit. Dafür ein besonders anschauliches Beispiel: Die Kotzgasse im Armenviertel, wo heute der Hauptbahnhof ist. Die heißt seit dem Mittelalter so, weil dort die „Kotzmenger“ minderwertiges Fleisch anbieten. Der Professor aber wettert: „Pöbelerfindungen! Als wenn man dort gegessen oder hier getrunken und dort gekotzt hätte!“ Und macht aus der Kotzgasse (rechte Spalte oben) kurzerhand das Gegenteil: die „Rue des Traiteurs“ – die Straße der Feinschmecker.

Ironie der Geschichte: Kaum ist das Verzeichnis 1813 gedruckt, geht die Franzosenzeit zu Ende. Die neuen Herren, die Preußen, machen manches rückgängig: Kein „Napoleonplatz“ mehr in Köln! Und Malzbüchel, Neumarkt, Alter Markt oder Gülichplatz erhalten wieder die alten Namen. Doch manches bleibt. Etwa die „Rue de l’Arsenal“, die Zeughausstraße. Am Zeughaus ist heute noch der zweisprachige Name in Stein zu sehen, wie auch an Hahnenpforte, Eigelsteintor und in der Krebsgasse. Und es bleibt Wallrafs Methode: Die Stadt als Geschichtsbuch. Das ist bis heute so.

M. Kramp