Vorbote des Schreckens

Bild der 30. Woche - 27. Juli bis 2. August 2020

Zünder einer Fliegerbombe, Großbritannien, 1914, Teilstuck, Stahl, L: ca. 17 cm, Dm: 4 cm, Kölnisches Stadtmuseum, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln.

Dies ist der Zünder einer Fliegerbombe, abgeworfen über Ehrenfeld 1914. Ja, richtig: 1914, schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Wir alle sind entsetzt, wenn wir heute Bilder von Luftangriffen sehen – etwa in Syrien. Unser unscheinbares Objekt steht ganz am Anfang dieser furchtbaren Geschichte.

Denn 1914 wird der „Traum vom Fliegen“ zum Albtraum. Die meisten Flugzeuge sind noch untauglich für Angriffe im feindlichen Hinterland. Aber deutsche Luftschiffe steigen höher und weiter. Graf Zeppelin übergibt sein Luftschiff dem Kölner Militär – zu den Klängen des Liedes „Et hätt noch emmer, emmer jot jejange“.

Am 5. August 1914 greift der Zeppelin „Cöln“ von der Luftschiffhalle in Bickendorf aus Lüttich an. Im Ziel: die Zivilbevölkerung. Es gibt Tote und Verletzte. Ein weiteres Luftschiff bombardiert dann von Bickendorf aus Antwerpen. Das Fazit: Trümmer, Panik, Tote und Verletzte. Weitere Angriffe folgen.

Deshalb befiehlt der britische Marine-Minister Winston Churchill im belagerten Antwerpen seinen Fliegern, die Zeppeline in ihren Hangars am Rhein zu zerstören. Der erste Luftangriff auf Köln am 22. September scheitert – über der Stadt liegt dichter Nebel.

Am 8. Oktober starten erneut zwei britische Flieger. In Düsseldorf wird ein Luftschiff zerstört. Über Köln findet der Pilot Douglas Adair Grey die Luftschiffhalle nicht und erklärt, stattdessen den Hauptbahnhof bombardiert zu haben. In Wirklichkeit aber trifft seine Bombe die Gleise bei der Gasanstalt in Ehrenfeld. Auf dem Rückflug wirft Grey über Großkönigsdorf seine zweite Bombe ab. Sie bohrt sich in einen Acker und wird von einer Bäuerin aus dem Boden geholt.

Noch greifen die Briten nur gezielt Kölner Luftschiffe an. Den Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung entwickeln sie erst später. Seit 1915 bombardieren die Deutschen von Belgien aus London und Paris. Am Ende des Krieges wollen alle Seiten ihre großen Bomber bedenkenlos einsetzen. Köln wird erst am 7. Juli 1917 wieder Ziel feindlicher Flugzeuge. Das Kriegsende verhindert Schlimmeres, denn ein großer Angriff auf Köln ist schon geplant. Doch zurück ins Jahr 1914. Den ersten Luftangriff erklärt die Kölner Presse zum Fehlschlag: Köln liege keineswegs „außer dem Dom in Schutt und Asche“.

Im Zweiten Weltkrieg bombardiert die deutsche Luftwaffe London. Wieder ist Churchill der entscheidende Mann. Er führt dann den Bombenkrieg gegen Deutschland. 1945 liegt auch Köln „außer dem Dom in Schutt und Asche“. Doch 1914 sind es sind die Deutschen, die von Köln aus die Büchse der Pandora öffnen.

Von der in Ehrenfeld 1914 detonierten Bombe gelangt dieser Zünder ins Historische Museum. Das Fragment der ersten Bombe, die auf Köln fällt. Und das traurige Zeugnis einer tödlichen Entwicklung – bis in unsere Tage.

M. Kramp