Die gläsernen Schuhe

Bild der 29. Woche - 20. Juli bis 26. Juli 2020

Salbgefäße in Form von Pantoffeln, 3. Jahrhundert n. Chr, Römisch-Germanisches Museum Köln, Inv. Nrn. 74,1 und 74,2, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln.

Als der französische Autor Charles Perrault im Jahr 1697 sein Aschenputtel-Märchen "Cendrillon oder der kleine gläserne Schuh" veröffentlichte, konnte er nicht wissen, dass es gläserne Schuhe wirklich gibt. Und sie gehörten in Wirklichkeit auch keinem Aschenputtel, sondern einer vermögenden Bürgerin des römischen Köln.

Die wahre Geschichte geht so: 1971 wurde bei der Ausschachtung für einen Neubau in der Kölner Severinstraße ein römischer Steinsarkophag freigelegt und von den Findern ausgeräumt. Vermutlich kam damals nur ein Teil der Beigaben aus dem Steinsarg ins Museum. Unter diesen sorgten aber zwei Stücke für eine Sensation. Es waren zwei Glasgefäße in Form eleganter römischer Damensandalen – also ein Paar gläserner Schuhe! Nie zuvor gesehen – bis heute einzigartig in der Welt!

Es handelt sich um zwei mit der Glasmacherpfeife geblasene flachbauchige kleine Flaschen aus leicht grünlichem durchsichtigem Glas. Der Gefäßkörper bildet die dicke Sohle von Stegsandalen mit aufgesetzten transparenten Glasriemen. Der Zehensteg und die geteilten Riemen sind mit gerippten weißen und blauen Glasfäden verziert. Die Innensohlen schmückt jeweils ein dicker gerippter weißer Glasfaden, im Fersenbereich zu einer Schlaufe, im Ballenbereich zu einem Efeublatt geformt – eine Nachahmung von Prägemustern auf den Innensohlen von Ledersandalen. Ein durchsichtiger, wellenförmig auf die Außenseiten der Sohlen aufgeschmolzener Glasfaden bildet wohl Seitennähte ab.

Die gläsernen Sandalen gehören zu den berühmten Kölner Schlangenfadengläsern und sind virtuose, liebenswerte Schöpfungen spezialisierter Glasateliers der römischen Stadt. Kreativ, freihändig und mit kunstvoller Leichtigkeit dekorierten hier die vitrearii, die Glasmacher, mit heißen Glasfäden Wellen-, Blatt- und Schnörkelornamente auf Glasgefäße in vielfältigen Formen. Schlangenfadengläser „Made in Cologne“ gingen im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. von Köln aus in die Welt.

Die beiden originellen Glasflakons in Sandalenform, ursprünglich mit Stöpseln aus Kork oder Holz verschlossen, waren wahrscheinlich mit parfümierter Lotion zur Körperpflege gefüllt. Von diesem Salböl sind noch goldgelbe Spuren erhalten. Inhalt und Behälter waren luxuriöse Geschenke, die den Empfänger durch die Form entzückten, durch den Inhalt erfreuten. Die Glassandalen stehen damit in einer jahrtausendelangen Tradition von phantasievollen Kosmetikverpackungen, die bis heute anhält.

Zusammen mit den gläsernen Sandalen und einer Münze des Augustus war aus dem zerstörten Steinsarg in der Severinstraße noch der kunstvoll aus Bein gedrechselte Griffstock eines Sonnenschirmes geborgen werden. Dieser bekräftigt, was die gläsernen Schuhe schon nahelegten: In dem Sarkophag war eine Frau bestattet worden und zwar mit großem Ausstattungsaufwand. Denn der Steinsarg war teuer, der Sonnenschirm ein Statussymbol und ebenso wie die bunten gläsernen Schuhe luxuriös.

M. Euskirchen