Urlaubserinnerungen

Bild der 32. Woche - 10. August bis 16. August 2020

Simon de Vlieger, Der Strand bei Scheveningen, 1641/1650, Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud (Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln)

Wer fürchtet ihn nicht: den letzten Urlaubstag. Rasend schnell rückt er heran, obwohl nicht einmal die Hälfte von dem getan ist, was man sich für die freie Zeit vorgenommen hatte. Kaum kehrt endlich Entspannung ein – da steht der Alltag auch schon wieder vor der Tür. Was bleibt, sind immerhin die schönen Erinnerungen, die graue Tage etwas erträglicher werden lassen.

Eine salzige Brise auf der Haut, das Rauschen der Wellen und Kreischen der Möwen im Hintergrund. Bei vielen löst eine solche Kulisse ein Gefühl der Entspannung aus. Es erinnert an vergangene Urlaubstage mit den Liebsten, an Fahrradtouren, Sonnenuntergänge am Meer und gutes Essen. Gerade in diesem Sommer sehnten sich besonders viele danach, zumindest für ein paar Tage die eigenen vier Wände noch einmal zu verlassen. Doch nicht die Ferne übte diesmal den Reiz aus, sondern häufig schon der nächstgelegene Strand.

Der Strand bei Scheveningen

Gerade einmal drei Stunden dauert die Autofahrt von Köln nach Scheveningen – schon kann man die endlos lange Strandpromenade entlangspazieren. Heute ist der international bekannte Ferienort das beliebteste und größte Seebad der Niederlande. Angesichts dessen ist kaum vorstellbar, dass Scheveningen einmal ein winziges Fischerdorf war. So bestand der Ort im Jahr 1640 gerade einmal aus 200 Häusern. Der niederländische Künstler Simon de Vlieger (1601-1653) hat mit seinem hier gezeigten Gemälde eine faszinierende Momentaufnahme vom Scheveninger Strand jener Zeit geschaffen. De Vlieger ist bekannt als einer der ersten Marinemaler des sogenannten Goldenen Zeitalters. Mit „Der Strand bei Scheveningen“ schuf er ein ruhiges Seestück, das die einheimische Fischerei in den Fokus stellt.

Beim Betrachten des Gemäldes fällt auf, dass die kleinen Fischerboote in ungewöhnlicher Nähe zum Strand liegen. Tatsächlich hatten die Dörfer entlang der holländischen Nordseeküste zu dieser Zeit keine Häfen, sodass die Boote direkt vom Strand aus segeln und auch dort anlegen mussten. Im Winter wurden die Schiffe zum Schutz bis hoch zu den Dünen gezogen – im Frühjahr mithilfe einiger Pferdestärken wieder zurück zur Wasserlinie gebracht. All diese Mühen und die steigende Nachfrage nach Fisch, gaben schließlich doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Anstoß zum Bau einer Hafenanlage. Anfang des 20. Jahrhunderts war Scheveningen somit das einzige alte Fischerdorf mit eigenem Hafen.

Simon de Vlieger hat die heimische Küstenszenerie hier in auffallend naturnaher Weise eingefangen: Der tiefe Horizont und die Wirkung des Sonnenlichts auf der ruhigen Meeresoberfläche vermitteln dem Betrachter einen besonderen Eindruck von Weite. Wer also in diesem Jahr auf das Meer verzichten musste oder schon wieder Sehnsucht hat, kann die Erinnerungen an vergangene Tage am Strand auch durch einen Besuch der Ausstellung „Poesie der See“ im Wallraf-Richartz-Museum wiederaufleben lassen.

L. Wirges