Das künstlerische Sehen

Bild der 28. Woche - 13. Juli bis 19. Juli 2020

Clemens, Wilhelm, Selbstporträt, München, vor 1900, Museum für Angewandte Kunst Köln, Inv.-Nr. A 1888, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln.

Vernarbtes Gesicht, aufrechte Haltung und durchdringender Blick: So schaut uns Wilhelm Clemens aus seinem Selbstporträt entgegen. Es ist genau dieser Blick, der Clemens zu einem wichtigen Kunstsammler des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts machte. Dieser Blick ist es, der 100 Jahre später in einer eigenen Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst gefeiert wird.

Wilhelm Clemens, der 1847 in Grevenbroich geboren wurde und in Köln das Marzellengymnasium besucht hat, war eigentlich selbst Maler. Ab 1874 studierte er Malerei in München an der Akademie der bildenden Künste und wurde danach als Landschafts-, Genreszenen- und Porträtmaler bekannt. Sein wahres Talent lag jedoch im Sammeln von Kunst. Über 40 Jahre lang sammelte Clemens im Stillen Werke der bildenden Kunst und kunsthandwerkliche Objekte. 1919 schenkte er seine Sammlung Köln, der Stadt seiner Jugend. Am 5. Mai 1920 wurden die Sammlung Clemens in einem Festakt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Qualität & Vielfalt: Die Sammlung Clemens

Beim Sammeln ging es Clemens immer um eine besondere Qualität der Werke. Jedes Stück musste seinem kritischen Künstlerblick standhalten. So entstand eine vielfältige Sammlung von über 1.600 Werken und Objekten: Von mittelalterlichen Holzskulpturen und Tafelgemälden, über Barock und Renaissance Plaketten, bis hin zu Keramiken, Möbeln und Textilien. Es ist eine einzigartige Sammlung, die eine unglaubliche Bandbreite an deutscher, italienischer, französischer und spanischer Kunst vom Mittelalter bis zum Barock widerspiegelt.

Mit zunehmendem Alter beschäftigte Clemens der Verbleib seiner Sammlung, sodass er bereits 1914 seinem Großneffen und dem damaligen Kölner Oberbürgermeister Max Wallraf den Vorschlag einer Leihgabe machte. Zunächst verhinderte jedoch der Erste Weltkrieg den Umzug der Sammlung von München nach Köln. Im Jahr 1919 erfuhr dann Konrad Adenauer in einem Brief von Wallraf von den Schenkungsplänen und willigte freudig ein. So kam die Sammlung Clemens 1920 endgültig in den Besitz des Kunstgewerbe-Museums, das heute als MAKK bekannt ist.

100 Jahre später

Bereits 1981 attestierte die damalige MAKK-Museumsdirektorin Brigitte Klesse Wilhelm Clemens „die Fähigkeit zum künstlerischem Sehen“. Ausgehend von dieser außergewöhnlichen Sicht auf Kunstwerke ist nun die Sonderschau „Künstlerblick. Clemens, Sigmund & Siecaup“ entstanden. Es ist nicht nur eine Hommage an Clemens selbst, sondern auch an die besondere Fähigkeit des „künstlerischen Sehens“. Kontrastiert werden die historischen Sammlungsstücke daher mit zeitgenössischer Kunst. Der Rotterdamer Siegmund de Jong hat eigens für die Ausstellung mit Farben und Linien sogenannte „Wall-Concepts“ entworfen und von der Kölnerin Ulrike Siecaup sind „gemalten Realitäten“ zu sehen.

An diesem Selbstporträt von Clemens zeigt sich übrigens, dass ein aufmerksamer und gründlicher Blick auch heute noch viel bewirken kann. Lange Zeit dachte man, dass das Bild zwischen 1910 und 1920 entstanden sein muss. Im Zuge der Vorbereitungen zur Sonderschau erkannte man jedoch, dass es sich um eine jüngere Darstellung von Wilhelm Clemens in seinen 40ern handeln muss. Da Clemens in den 1910er-Jahren schon vollständig ergraut war und kein volles rot-blondes Haar mehr hatte. Außerdem wurde deutlich, dass der Pinselduktus des Gemäldes nicht zu den späteren Werken des Malers passt. Daher wurde der Entstehungszeitpunkt des Gemäldes auf vor 1900 zurückdatiert.

E. Butt