Der Blick fürs Wesentliche

Bild der 27. Woche - 6. Juli bis 12. Juli 2020

Chargesheimer, An der Theke. Küssendes Paar, 1957, Köln, Museum Ludwig, Sammlung Fotografie, Inv.-Nr. ML/F 1981/0735, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln.

Der Kuss – eine Geste mit Tradition

Ob nun freundschaftlich oder erotisch, zur Begrüßung oder zum Abschied, zwischen Eltern und Kind oder eben zwischen Partner*innen – für Menschen auf der ganzen Welt ist der Kuss heutzutage als Ausdruck von gegenseitiger Zuneigung eine vertraute Geste.

Erste Belege für die historischen Anfänge gibt es bereits aus dem antiken Griechenland: Geküsst wurde sich wohl schon gelegentlich zur Begrüßung und zum Abschied. Aus dem frühen Christentum ist der Friedenskuss als Ausdruck von Versöhnung, sowie der verräterische Judaskuss bekannt. Im Mittelalter hingegen konnte ein Kuss eine Verlobung oder sogar ein Lehnsverhältnis rechtlich besiegeln. Es handelt sich demnach um eine uralte Geste mit langer Tradition, deren Bedeutung sich im Laufe der Zeit vielfach verändert hat.

Diesen Montag, also am 6. Juli, ist der internationale Tag des Kusses. Gerüchtehalber etablierten die Briten den Gedenktag in den 1990er Jahren, um ein Zeichen gegen die konservativen Moralvorstellungen der vergangenen Ära Margaret Thatchers zu setzen. Letztlich galt auch im westlichen Kulturraum das Küssen in der Öffentlichkeit noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts als verpönt: Die von dem Fotografen Chargesheimer hier eingefangene Szene auf der oben gezeigten Fotografie, ist demnach ein eher unübliches Motiv für die 1950er Jahre.

Chargesheimer und die Menschen am Rhein

Karl-Heinz Hargesheimer (1924-1972), bekannt als Chargesheimer, blieb seiner Geburtsstadt Köln zeitlebens sehr verbunden. Trotzdem war die Sicht des Fotografen auf die Domstadt alles andere als verklärt: Seiner Kritik an der städtebaulichen Entwicklung der Stadt in und nach der Wiederaufbauphase widmete er ganze Bildbände. Chargesheimer verdiente sich so den Ruf eines reflektierten Beobachters seiner zeitgenössischen Umwelt. Er porträtierte die Stadt und ihre Bewohner*innen und hielt dabei – dem Trend seiner Zeit zum Trotz – am Schwarzweißmodus fest. Seine polarisierenden Bildbände werden heute zu den Meilensteinen der Fotogeschichte gezählt und weisen ihn als einen der wichtigsten Fotografen Kölns nach dem Zweiten Weltkrieg aus.
Im Zentrum seiner fotografischen Arbeit standen immer die Menschen. Mit der hier ausgewählten Schwarzweißfotografie hat Chargesheimer eine wohl spontane Szene eingefangen, die sich so im Jahr 1957 in einer Kölner Kneipe abgespielt hat: Abgelichtet ist ein sich unbeschwert zwischen anderen Kneipengästen küssendes Paar, das sich offensichtlich nicht davor scheut öffentlich ihre Zuneigung zu zeigen.

Die Sammlung Fotografie im Museum Ludwig

Die Schwarzweißfotografie von Chargesheimer befindet sich seit 1978 – zusammen mit seinem gesamten fotografischen Nachlass – im Besitz des Museum Ludwigs. In einem eigens eingerichteten Fotoraum innerhalb der Dauerausstellung, bietet das Museum den Besucher*innen einen Einblick in die umfangreiche Fotografie-Sammlung des Hauses. Da der Bestand etwa 70.000 Werke von den Anfängen des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart umfasst, kann die Sammlung nur in wechselnden Ausschnitten gezeigt werden und ist somit in ständiger Bewegung. Es lohnt sich also immer, einen Blick in den Fotoraum im Museum Ludwig zu werfen. Wer aber nicht so lange warten möchte, um die Fotografien von Chargesheimer zu sehen, kann sich auch über www.museum-ludwig.kulturelles-erbe-koeln.de durch die digitale Sammlung des Museums klicken.

L. Wirges