Die Natur vor der Tür

Bild der 25. Woche - 22. Juni bis 28. Juni 2020

Aert Anthonisz, Büsen beim Heringsfang vor der Küste, um 1615, Amsterdam, Privatsammlung (Foto: Laura Wirges)

Die momentane Ausnahmesituation führte zu einem plötzlichen Wegfall des gewohnten Überangebots von Beschäftigungsmöglichkeiten und hinterließ im Leben vieler Menschen eine bisher noch unbekannte Leere. Zuvor verschmähte oder schlichtweg übersehene Ausflugsziele wurden schlagartig interessant: Aus dem Wunsch heraus, der städtischen Enge und den Menschenmassen zu entfliehen, richtete sich der Blick vieler auf einmal ins nähere Umland. Seit Monaten unternehmen zahllose Kölnerinnen und Kölner erstmalig regelmäßige Ausflüge in die Eifel oder ins Bergische Land, wandern den Moselsteig und entdecken die heimische Natur ganz neu für sich. In Outdoor-Geschäften wird für den Kauf von Wanderschuhen und Campingausrüstung Schlange gestanden, während Heimwerker sich an dem Bau von Vogel- oder Insektenhäusern versuchen, um sich noch mehr Natur nach Hause zu holen. Da das Reisen außerdem den Sommer über nur eingeschränkt möglich sein wird, besinnen sich viele in diesem Jahr wieder auf einen Urlaub im eigenen Land. Gegenwärtig scheint die Schönheit der Natur vor der Tür intensiver wahrgenommen zu werden als noch einige Monate zuvor.

Das Goldene Zeitalter

Eine neue Wertschätzung der einheimischen Natur zeigt sich auch in den Gemälden zahlloser niederländischer Künstlerinnen und Künstler des 17. Jahrhunderts: In auffällig naturnahen Kompositionen erfassten sie heimische Küsten, Dünen, Wellen und Wolken und revolutionierten damit die Landschaftsmalerei. Grund für die besondere Hinwendung zum Bildmotiv des Wassers, war der immense Bedeutungszuwachs, den das Element in dieser Epoche erfuhr. Nachdem der Fischfang bereits seit jeher die Lebensgrundlage der stetig wachsenden Bevölkerung gesichert hatte, verhalf der florierende Überseehandel im sogenannten „Goldenen Zeitalter“ der Republik schließlich zu ungeheurem Reichtum. Die Kriegsflotte sicherte die Vorherrschaft über die Weltmeere. Das neu gewonnene Selbstbewusstsein der Nation inspirierte an die 700 niederländische Künstlerinnen und Künstler, die sich schließlich allein auf die Marinemalerei spezialisierten. Zentrales Bildthema war dabei die Darstellung von Schiffen auf See oder auf Binnengewässern, die in geradezu poetischer und detailverliebter Weise inszeniert waren. In der Hochphase dieser wirtschaftlichen und kulturellen Blütezeit wurden jährlich rund 70.000 Gemälde dieser Gattung – sogenannte „Seestücke“ – geschaffen.

Büsen und das Silber des Meeres

Anfang des 17. Jahrhunderts war Aert Anthonisz (1579/80-1620) der bedeutendste Marinemaler in Amsterdam. Sein hier gezeigtes Gemälde „Büsen beim Heringsfang vor der Küste“ entstand um 1615 und stellt die einheimische Fischerei in den Mittelpunkt. Abgebildet ist der charakteristische Schiffstyp der niederländischen „Büse“, der nach technischen Weiterentwicklungen nicht mehr allein für den Überseehandel, sondern vorrangig in der Fischerei eingesetzt wurde. Büsen waren auf den ertragreichen Fang von Heringen spezialisiert und blieben dazu häufig wochenlang auf See. Haltbar gemacht durch das Räuchern und Einsalzen, war der Hering ein europaweit begehrtes Handelsgut und wurde deswegen auch das Silber der See genannt.

Auf dem Gemälde sind sowohl die Fischer an Land sowie an Bord der zentral abgebildeten Büse mit dem Einholen der Treibnetze beschäftigt. Das weißschäumende Meer weist eine prächtige Farbpalette auf, die von einem tiefen Blau, über Braun- und Grüntöne zu einem dunklen Grau am Horizont übergeht. Die Silhouetten von Seevögeln zeichnen sich am wolkenverhangenen Himmel ab. So poetisch inszeniert, wie ein Gedicht, fängt der Maler die heimische Küstenszenerie liebevoll und detailverliebt ein. Sollte also das Wetter in nächster Zeit mal schlecht sein, kann man jetzt auch wieder die Schönheit der Natur im Wallraf-Richartz-Museum genießen.

L. Wirges