Bergkristall im Mittelalter - Die Faszination von Transparenz

Bild der 21. Woche - 25. Mai bis 31. Mai 2020

Muttergottes mit dem Bergkristall, Köln, um 1230 und Anfang 14. Jh. (Fassung), Museum Schnütgen, Inv. A 14, Foto: RBA Köln, Wolfgang F. Meier (Detail und Gesamtansicht).

Muttergottes mit dem Bergkristall, Köln, um 1230 und Anfang 14. Jh. (Fassung), Museum Schnütgen, Inv. A 14, Foto: RBA Köln, Wolfgang F. Meier (Detail und Gesamtansicht).

Bergkristallreliquiar, Köln, um 1200, Museum Schnütgen, Inv. G 17, Foto: RBA Köln, Wolfgang F. Meier.

Firstknauf eines Reliquienschreins, Köln, um 1180/ 1190, Museum Schnütgen, Inv. G 570, Foto: RBA Köln, Marion Mennicken.

Bergkristallphiole mit geschnittenem Reliefdekor, abassidisch, 9.–10. Jh., Museum Schnütgen, Inv. F 51, Foto: RBA Köln, Marion Mennicken.

Bergkristallkreuz, Rheinland (Köln?), Anfang 14. Jh., Museum Schnütgen, Foto: RBA Köln, Patrick Schwarz, rba_d045869.

Bergkristall gilt den Menschen seit alters als außergewöhnliches Material. Zahlreiche Legenden ranken sich um seine Herkunft und besonderen Kräfte, vielfach wird er als Manifestation des Göttlichen gedeutet und in verschiedenen Kulturen zur Abwehr negativer Energien genutzt. Es ist vor allem die Transparenz des Bergkristalls, der kühler und härter als Glas, aber weicher als ein Diamant ist, die ihm seine große Anziehungskraft verleiht.

Um die Durchsichtigkeit bei der Bearbeitung zu erhalten, bedurfte es der Kenntnis bestimmter Techniken, über die nur wenige Handwerker verfügten und die sie als Geheimnis streng hüteten. So dauerte es einige Jahrhunderte, bis in Europa der Kristallschnitt bzw. -schliff jene Kunstfertigkeit erreichte, die die Bergkristallobjekte aus den Werkstätten der ägyptischen und irakischen Kalifen auszeichnete. Diese zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert entstandenen Kostbarkeiten gelangten meist schon vor den Kreuzzügen als diplomatische Geschenke oder als Teil der Mitgift über Byzanz nach Europa. Zu diesen gehören auch ein kleines Fläschchen aus Bergkristall, die sogenannte Bergkristallphiole, und eine kristallene Schachfigur im Museum Schnütgen. Möglicherweise wurde das schlanke Fläschchen mit der typischen Form statt zur Aufbewahrung kostbarer Flüssigkeiten, wie Öl oder Parfüm, als Reliquienbehälter zweitverwendet. In neuer Funktion, als Schmuck von christlichem Kirchengerät oder mit historischer Bedeutung belegt – von vielen Schachsteinen nahm man an, dass sie zum Schachspiel Karls des Großen gehört hätten –, überdauerten diese Preziosen in europäischen Schatzkammern.

Zu den schönsten, um 1200 entstandenen Bergkristallgefäßen gehört das auf Löwenfüßen ruhende Reliquiar – ein Behältnis für die irdischen Überreste von Märtyrer*innen und Heiligen –, in dessen Bergkristallzylinder, für die Betrachtenden gut sichtbar, einst Reliquien geborgen waren. Ähnlich wie hier wurden Bergkristallkugeln häufig als bekrönender Dekor der mittelalterlichen Reliquienschreine, meist mit Edelmetall verkleidete, hausförmige Behältnisse für Gebeine von Heiligen, verwendet.

Das Bergkristallkreuz im Museum Schnütgen ist das größte erhaltene bergkristallene Lilienkreuz– ein Kreuz mit lilienförmigen Enden – aus der Zeit um 1300. In der Kreuzmitte gibt das transparente Material deutlich den Blick auf bemaltes Pergament frei, eine weitere Besonderheit in der Bergkristallkunst des Mittelalters. Seit vor wenigen Jahren im Kölner Dombezirk die Reste einer mittelalterlichen Bergkristallschleiferei bei archäologischen Grabungen entdeckt wurden, avanciert Köln neben Paris, Venedig und Prag zum möglichen Produktionsort solcher Kreuze, die für eine hochrangige Klientel, darunter bedeutende Geistliche wie z. B. Bischöfe, geschaffen wurden.

Das Deutungsspektrum des Bergkristalls im Mittelalter war groß. Die Durchsichtigkeit des im Gegensatz zum Glas natürlich gewachsenen Materials galt als Symbol der unbefleckten Empfängnis. Der große Bergkristall auf der Gewandborte der Marienfigur ist somit weit mehr als ein Verzierungselement. Der kurze Blick auf einige Bergkristallobjekte der Sammlung des Museum Schnütgen macht deutlich, wie facettenreich Herkunft, Deutung und Verwendung des Materials sind. Derzeit bereitet das Museum zu dem vielfältigen und spannenden Thema des Bergkristalls eine eigene große Sonderausstellung vor, die im November 2022 eröffnet wird.

Ursprünglich erschien dieser Artikel in: museenkoeln - Das Magazin Nr.1 2020.

M. Beer