Der Dom als fromme Vision

Bild der 19. Woche - 11. Mai bis 17. Mai 2020

Carl Georg Adolph Hasenpflug: Idealansicht des Kölner Doms von Südwesten, Öl auf Leinwand, 1834/1836, 196 x 150,5 cm, Kölnisches Stadtmuseum (Foto © Rheinisches Bildarchiv Köln)

Ein sehr merkwürdiges Gemälde: Der Architekturmaler Carl Georg Hasenpflug fertigt es im Auftrag eines Verwandten des Kölner Erzbischofs an. Es zeigt eine besonders prächtige Ansicht des Kölner Doms. Zwei Jahre arbeitet der Maler an dem fast zwei Meter hohen riesigen Bild. Im Abendlicht erhebt sich vor unseren Augen monumental die Westfassade des Doms mit den beiden Türmen. Die Menschen und die anderen Gebäude sind winzig – der Dom umso riesiger. Doch als Hasenpflug das Bild 1836 fertigstellt, ist davon noch gar nichts zu sehen. Der Dom ist unvollendet. Nur der rechte Turm ist halb fertig. Auf ihm befindet sich noch der mittelalterliche Kran: Das Wahrzeichen Kölns - Eine Stadt als einzig große Baustelle.

1814 fordert Joseph Görres, den Dom als Denkmal der Deutschen zu vollenden. Gleichzeitig findet Sulpiz Boisserée den mittelalterlichen Bauplan für die Domfassade – die eine Hälfte in Paris, die andere auf einem Dachboden in Darmstadt. Boisserée lässt diese Ansicht in Kupfer stechen. Nun erst wird es möglich, den Dom nach den alten Plänen zu vollenden. Damit beginnt man aber erst 1842.

Als Hasenpflug den vollendeten Dom malt, dienen ihm Boisserées Forschungen und Kupferstiche als Vorbild. Sein Gemälde ist eine schöne und fromme Vision von der Zukunft. Und gleichzeitig von der Vergangenheit, dem verklärten deutschen Mittelalter. Denn die übrigen Bauten auf seinem Bild sind alle mittelalterlich. Und auch die Kostüme der Menschen stammen aus dem 16. Jahrhundert. Das gilt auch für das Gebäude mit den Zinnen am linken Bildrand. Dort in der Trankgasse befindet sich 1836 noch der Kölner Hof. Hier zeigt das erste Kölner Museum die Kunstsammlungen Wallrafs. In Wirklichkeit ist es ein baufälliges Haus aus dem 18. Jahrhundert. Bei Hasenpflug aber ein prächtiges mittelalterliches Gebäude. Ganz so, wie ein Neubau des Museums dort geplant ist: im neo-gotischen und neo-romanischem Stil.

Auch dies ist also eine fromme Vision des Malers. Das erste Wallraf-Richartz-Museum wird an anderer Stelle gebaut. In der Trankgasse neben dem Dom entsteht 1913 das Deichmannhaus. Wer dort heute bei „Gaffel am Dom“ einkehrt, mag sich bei Kölsch und Flönz daran erinnern, dass genau hier einmal das erste Kölner Museum stand. Der Dom aber wird 1880 vollendet – ganz ähnlich, wie Hasenpflug ihn gemalt hat.

M. Kramp