DADA siegt!

Bild der 17. Woche - 27. April bis 3. Mai 2020

Max Ernst – DADA siegt. Plakat zur Wiedereröffnung des „Dada-Vorfrühling“ im Brauhaus Winter, 1920 – Privatsammlung, Paris/Reproduktion

Vor 100 Jahren war Köln eines der Dada-Zentren. Ihren Höhepunkt und in gewisser Weise auch ihren Endpunkt erlebte die heute in Vergessenheit geratene Episode im Frühjahr 1920. Die Arbeitsgemeinschaft Kölner Künstler veranstaltete im April eine juryfreie Ausstellung im Lichthof des Kunstgewerbemuseums am Hansaring. Der Museumsdirektor ließ die Arbeiten von Dadamax Ernst und Johannes T. Baargeld (d. i. Alfred Gruenwald) aus der Ausstellung entfernen. Die beiden mieteten daraufhin den Lichthof des Brauhauses Winter in der Schildergasse 37. Ein Beil in der Ausstellung sollte es Besuchern ermöglichen, alles, was ihnen nicht gefiele, zu zerstören. Alles, was zerstört oder gestohlen wurde, wurde umgehend durch neue Arbeiten ersetzt. Der Tumult, den die Dada-Messe verursachte, und die Annahme der Polizei, es handle sich um eine Reklame für ein Homosexuellen-Bordell, schließlich der Tobsuchtsanfall eines Besuchers ließen die Polizei eingreifen. Die Ausstellung wurde zwischenzeitlich geschlossen, kurz darauf aber triumphierend wiedereröffnet: „Dada lebt!“.

1918 waren die jungen Künstler aus dem Krieg zurückgekehrt – enttäuscht, kampfmüde, von tiefem Widerwillen gegen den Krieg und gegen die, die sie dort hineingetrieben hatten, erfüllt. Rasch bildeten sich neue Künstlergruppen, zu denen auch einige sehr aktive Künstlerinnen gehörten. Eine der aktivsten sammelte sich um Max Ernst und seine junge Ehefrau Luise Straus-Ernst in ihrer Dachwohnung am Kaiser-Wilhelm-Ring 14.

Aus diesem Umfeld kamen die jungen Leute, die im Februar/März 1919 Lesungen und Theateraufführungen störten. Im Sommer 1919 war der Stadt in künstlerischer Hinsicht Ruhe vergönnt; die Ernsts und Baargeld waren in die Alpen gefahren. In München besuchten sie Paul Klee. Hier erfuhr Max Ernst auch, dass sich Hans Arp in Zürich aufhielt und dort einer der Aktiven der Dada-Bewegung war.

Nach der Rückkehr stand für sie fest, dass sie mit ihrer Kunst neue Wege gehen mussten. Im November 1919 organisierte der Galerist Nierendorf im Kölnischen Kunstverein eine Ausstellung mit avantgardistischer Kunst aus dem Rheinland. Aber Max Ernst und Johannes T. Baargeld waren wohl zu avantgardistisch – sie wurden von der Ausstellung ausgeschlossen. Durch die Vermittlung des Vorsitzenden des KKV Walter Klug gab es schließlich zwei Ausstellungen mit getrennten Plakaten und Katalogen. Die Gruppe um Max Ernst, zu der neben Baargeld Hans Arp, Heinrich und Angelika Hoerle sowie Paul Klee und der kurz zuvor verstorbene Hans Bolz gehörten, nannte sich nach ihrem Katalog ‚Bulletin D‘ nun ‚Gruppe D‘, wobei das D für Dada stand.

Das eigentlich Provozierende der Gruppe-D-Ausstellung waren neben den Material-Collagen von Max Ernst die Anerkennung dessen, was Nierendorf abschätzig als primitiv denunzierte. Auch Werke von „Nichtkünstlern“ wurden als Ergebnis kreativer Tätigkeit erkannt und für ausstellungswürdig befunden; zu sehen waren Kinderzeichnungen, technische Geräte, afrikanische Plastiken und Arbeiten von Dilettanten.

R. Wagner