Die Baustelle am Dom

Bild der 06. Woche - 10. Februar bis 16. Februar 2020

Woensam, Anton, Große Ansicht von Köln (Ausschnitt), 1531, Kölnisches Stadtmuseum (HM 1959/145, 1-9, Köln) (Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln)

Die Annahme, dass der Dom nicht an einem Tag erbaut wurde, ist aus heutiger Sicht ziemlich evident. Aus der Sicht der Menschen des 16. Jahrhunderts schien die Beendigung des Dombaus allerdings noch in ferner Zukunft zu liegen. Zumindest darf man sich die Sehgewohnheiten der Kölner auf ihren Dom bis weit ins 19. Jahrhundert als Baustelle vorstellen. Nicht die beiden 157m hohen Türme an der westlichen Seite des Doms zierten das Stadtbild, sondern ein hölzerner Baukran, wie er rechtsoben in der Kölner Stadtansicht von 1531 zu sehen ist. Kurios mag dieser Anblick auf den heutigen Betrachter wirken. Dennoch vermittelt dieses verschwundene Wahrzeichen einen dialektischen Aspekt der Kölner Stadtgeschichte. In dem Verhältnis von Entwicklung und Stagnation des Kölner Bauprozesses ist gerade in dem Baukran beides aufgehoben.

Dombauhütte bis ins 16. Jahrhundert

So gesehen konnte niemand bei Baubeginn seine Hand ins Feuer legen, ob dieses Großprojekt tatsächlich fertiggestellt würde. Das Bauen im Mittelalter war schon strukturell von dem Prinzip von „Versuch und Irrtum“ geprägt. Freilich konnte ein Misserfolg mit strenger Hierarchisierung der Mitglieder des Bauwesens entgegengesteuert werden. Wer also waren eigentlich die Menschen, die maßgeblich an dem Dombau in Köln beteiligt waren?

Die Dombauhütte war die zentrale Institution, die mit dem „Planen, Organisieren und Bauen des Kölner Doms beschäftigt war. Sie war von einem stetigen Wandel betroffen. Auch der Name änderte sich im Laufe des 13. Jahrhunderts von der „fabrica“ zum deutschen Wort „Hütte“. Obwohl die Techniken des Bauens über die Generationen nur mündliche Tradierung weitergegeben wurden, waren die Aufteilungen in verschiedene Spezialbereiche eine Innovation zu dieser Zeit.

Arbeitsstrukturen & Hierarchien

Die zentrale Figur bei der Planung des Dom-Baus zu Köln war der Dombaumeister. Der erste Bauherr des Kölner Doms war Meister Gerhard der ab Mitte des 13. Jahrhunderts bis zu seinem Tode die Grundsteinlegung begleitete. Ihm folgten weitere Dombaumeister, in der Dombauhütte allerdings war der maßgebende Akteur der Werkmeister. Dieser hatte im Osten der Dombauhütte seinen Platz und war hauptsächlich mit der Organisation beschäftigt. Der Werkmeister schloss beispielsweise Verträge mit den Steinlieferanten ab und war mit seinen Untermeistern für die Koordinierung der Arbeiter eingesetzt.

Auch die Arbeiter der Dombauhütte waren hierarchisch untergliedert und unterschiedlich ausgebildet. Ganz oben in der Gehaltspyramide der Arbeiter stand der Steinmetz, gefolgt von Schmieden und Zimmerleuten. Das Ende der Gehaltspyramide bildeten jene Arbeiter, die keine spezialisierte Ausbildung genossen haben. Die Arbeiter konnten durch Handschläge, Passwörter, Grußformeln aber auch Kleidung identifiziert werden. Steinmetze jener Zeit brauchten ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Die Arbeitswoche des Mittelalters betrug ca. 70 Stunden. Bis auf den Sonntag wurde im Sommer elf bis zwölf und im Winter acht bis neune Stunden gearbeitet. Davon abzuziehen sind die vielen kirchlichen Feiertage, die in die Arbeitszeit fielen.

A. Hiller