»Lieber eine Kugel auf der Flucht, als den Tod durch die Schlinge«

Bild der 04. Woche - 27. Januar bis 2. Februar 2020

Askold und Vera Kurow, 1945/46 (© NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln)

Wandinschrift Askold Kurow (© Rheinisches Bildarchiv Köln / Anna C. Wagner, rba d015387)

Vera und Askold Kurow im Innenhof ihres Hauses in Kokand, 1989
(© NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln)

Im Februar 1945 geschieht dem Zwangsarbeiter Nummer 483 durch die Verkettung vieler glücklicher Umstände ein Wunder: Niemand hatte es bislang während des Krieges geschafft, aus dem Gestapo-Gefängnis EL-DE-Haus in Köln zu fliehen. Täglich bekommen die Insass*innen mit, wie Kamerad*innen erhängt werden. Es gibt kein Entrinnen. Doch Askold Kurow findet an einem klirrend kalten Morgen einen Ausweg. Er ist an diesem Tag im Tiefkeller des Hauses eingesetzt, um Akten zu transportieren. Plötzlich klingelt das Telefon. Der wachhabende Gestapobeamte lässt ihn stehen, um den Anruf im Gefängnis – eine Etage über dem Tiefkeller – entgegenzunehmen. Kurow reagiert sofort. Er wittert seine einzige, für unmöglich gehaltene Chance und flieht durch ein Fenster des Heizungskellers, das nicht vergittert ist.

Seine Abschiedsnachricht an der Wand

Kurow ist frei. Er orientiert sich an der Spitze des Kölner Doms und läuft zur Rheinbrücke. Auf dem Weg findet er eine Schaufel. Er greift sie, damit er nicht kontrolliert wird - so wirkt es, als sei er ein Arbeiter. An der Brücke steht ein Lastwagen, der Weißkohl geladen hat. Auf der Ladefläche des Wagens sitzen vier Männer, die er aus dem Messelager kennt. Einer erkennt Kurow. Sie berichten, dass sie den Kohl nach Overath bringen. Kurow darf mitfahren und kommt in Overath in einem Lager unter.

Er ist der Einzige, der während des Krieges aus den Mauern des EL-DE-Hauses entkommen konnte. Wie hoffnungslos seine Lage schien, belegt die Inschrift an seiner Zellenwand, die er wenige Tage vor der Flucht verfasste: »Heute ist der 3.2., 40 Leute wurden gehängt. Wir haben schon 43 Tage gesessen, das Verhör geht zu Ende, jetzt sind wir mit dem Galgen an der Reihe. Ich bitte diejenigen, die uns kennen, unseren Kameraden auszurichten, dass auch wir in diesen Folterkammern umgekommen sind. Heute ist der 4.2.45, 5.2., 6.2., 7.2., 8.2., 9.2., 10.2.«

Im Zwangsarbeiterlager lernt er seine Frau kennen

Askold Kurow, geboren 1926 in der Nähe von Moskau, wurde als 16-jähriger aus dem deutsch-besetzten Gebiet verschleppt und mit anderen Jugendlichen in einem Zug mit mehr als 1000 Personen nach Köln gebracht. Dort war er zunächst im Zwangsarbeiterlager Bensberger Marktweg in Köln-Dellbrück und später im großen Deutzer Messelager interniert. Dieses hatte man nach Kriegsbeginn eingerichtet – als Lager für Hunderte von Kriegsgefangenen, Zwangsarbeiter*innen und KZ-Häftlingen; als Durchgangslager für die Deportation rheinischer Jüd*innen, Sinti und Roma sowie als Lager für Hausrat und Möbel deportierter Jüd*innen.

An diesem dunklen Ort erhielt Askold Kurow 1942 als »Ostarbeiter« die Nummer 483. Und dort lernte er seine spätere Frau kennen. Sie war in demselben Zug wie er nach Köln gebracht worden: Vera Sergejewa, 22 Jahre alt, aus Kokand in Usbekistan. Ihre spätere Heirat wurde der zweite große Glücksfall im Leben des Russen. Doch bis dahin war es noch ein weiter, schmerzlicher Weg.

Als Zwangsarbeiter musste Kurow bei der »Bauhilfe Barackenbau« Behausungen für ausgebombte Kölner*innen errichten. Unterdessen beging er im Messelager Sabotageakte, traf sich mit Nazi-Gegner*innen und plünderte aus Postpaketen Lebensmittel und Waffen. Bei seinem ersten Fluchtversuch scheiterte er. Er wurde in Duisburg gefasst und in ein »Arbeitserziehungslager« eingewiesen. Von dort floh er zurück nach Köln, wo er zunächst in ausgebombten Häusern lebte und sich später unter falschem Namen wieder ins Messelager aufnehmen ließ, um wieder bei Vera zu sein. Doch Kurow sollte zunächst auch das Wenige, das er hatte, verlieren, als er im Messelager denunziert wurde. Die Gestapo verhaftete ihn an Heiligabend 1944 und brachte ihn ins EL-DE-Haus. Das Gestapo-Gefängnis war seit mehreren Wochen zu einem Ort von Hinrichtungen geworden. Insass*innen wurden an einem Galgen im Innenhof erhängt – mehr als 400 Menschen bis Kriegsende. Dass Kurow überlebte, erscheint deshalb tatsächlich wie ein Wunder.

Nach der Flucht

Im Lager in Overath trifft er auf weitere Bekannte aus Köln, doch Vera Sergejewa findet er nicht und niemand, weiß etwas von ihr – bis er zufällig mit einem Fremden ins Gespräch kommt, der Vera kennt. Sie ist noch in Köln, hat aber nach Kurows Verhaftung das Lager gewechselt. Er gibt dem Fremden ein Briefchen für Vera mit.

Im Gestapo-Gefängnis hatte er in noch aussichtsloser Lage folgende Nachricht zum Abschied für sie hinterlassen: »Leb wohl liebe Vera, Askold / Und so vergeht das junge Leben.« Sie musste sie nie lesen.

Am nächsten Tag treffen Askold und Vera sich am Bahnhof in Overath und fahren gemeinsam nach Olpe. Sie wollen so weit wie möglich weg von Köln. In Olpe bitten sie um Hilfe und werden bei zwei unterschiedlichen Familien beschäftigt, für die sie schwere landwirtschaftliche Arbeit verrichten. Bis im April die Amerikaner in das Dorf kommen.

Nach der Befreiung flieht Askold Kurow im September 1945 aus dem Displaced Persons Camp – einer Unterbringung für 1945 befreite ausländische Zwangsarbeiter*innen, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge – in die Sowjetische Besatzungszone. Nach der Rückkehr in die Sowjetunion muss er zunächst vier Monate in einem Arbeitsbataillon im Ural verbringen, weil er der Kollaboration, der Zusammenarbeit mit den Deutschen, beschuldigt wird. Dadurch kann er erst im April 1946 in seine Heimat zurückkehren. Er heiratet Vera und siedelt nach Kokand über. Die beiden bekommen zwei Söhne und leben 54 Jahre als Paar zusammen – bis zu seinem Tod im Juli 2000.

Die Nachricht: Askold Kurow lebt

Die Nachricht, dass Askold Kurow lebt, hat die Öffentlichkeit dem Filmemacher Ludwig Metzger zu verdanken. Er stieß bei Recherchen zu einer Dokumentation im Historischen Archiv der Stadt Köln zufällig auf einen Leserbrief, den Kurow 1982 dem russischen Journalisten Vitali Dolgich geschickt hatte. Dieser war Korrespondent der Prawda in Bonn und hatte in seinem Artikel »Das Geheimnis des EL-DE-Hauses« eine Wandinschrift von Kurow zitiert. Kurow schrieb ihm einen 13-seitigen Brief. Darin folgende Zeilen: »[…] als ich ihren Artikel gelesen habe, sind in mir erneut alle Schrecken und Erniedrigungen wachgeworden, die ich in der Faschistischen Unterdrückung erfahren habe. […] Tag und Nacht waren wir nur von dem einen Gedanken besessen, zu fliehen. Lieber eine Kugel auf der Flucht, als den Tod durch die Schlinge.« Kurow gelang zwar die Flucht, aber das Trauma blieb.

Er beschreibt in dem Brief, dass er einige seiner guten Freund*innen, die damals ebenfalls mit ihm verschleppt wurden, angeschrieben habe. Von keinem kam eine Antwort. Er bittet Herrn Dolgich, zum Westfriedhof zu gehen und sich in Veras und seinem Namen vor den Opfern zu verneigen. 1990 – acht Jahre später – nimmt er gemeinsam mit Vera am Besuchsprogramm der Stadt Köln für ehemalige Zwangsarbeiter*innen, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge teil und legte auf den Gräbern seiner Freund*innen und Kamerad*innen Kränze nieder. Askold Kurow stirbt am 3. Juli 2000 in Naginsk. Er hinterläßt seine Frau Vera, zwei Söhne und vier Enkelkinder.

Die Nachfahren

Am 10. Februar 1944 enden Askold Kurows Inschriften an den Wänden in Zelle eins. 72 Jahre später, am 10. Februar 2017, steht wieder ein Mann namens Askold Kurow in dieser Zelle. Er weint und lässt sich nur schwer von einer Mitarbeiterin des NS-Dokumentationszentrums beruhigen. Es ist der Enkel, der tief erschüttert die Inschriften seines Großvaters liest.

Kurow, 1974 in Usbekistan geboren, lebt seit 1991 in Russland und ist Dokumentarfilmer. Er thematisiert in seinen Filmen vor allem Menschenrechtsprobleme und soziale Konflikte im heutigen Russland. 2017 läuft bei der Berlinale in der Reihe Berlinale Special sein Film »The Trial: The State of Russia vs Oleg Sentov«, der von der Auslieferung des ukrainischen Filmregisseurs Oleh Senzow an Moskau handelt. 2019 schreibt er in einer Mail an das NS-DOK, dass er gerne irgendwann einmal eine Dokumentation über das Leben seiner Großeltern drehen würde.

N. Mugalu