Farbenspiel im Dom

Bild der 48. Woche - 2. Dezember bis 8. Dezember 2019

Gerhard Richter, Kölner Domfenster, Köln 2007, 2300 x 900 cm, Mundgeblasenes Echt-Antikglas. (© Kölner Dom)

Über 10 Jahre ist es her, dass die Kölner kontrovers über ein Fenster diskutierten. Bereits vor seiner feierlichen Enthüllung am 25. August 2007 sorgte das neue, moderne Fenster der Südfassade des Kölner Doms für Furore. Kein geringerer als der damalige Kardinal Meisner verurteilte das abstrakte, farbenfrohe Werk des Dresdner Künstlers und Kölner Ehrenbürgers Gerhard Richter, aufs Schärfste. So sorgte er bei seiner Festpredigt zur Eröffnung des Kolumba Museums für Empörung, als er in diesem Zusammenhang von „entarteter Kultur“ sprach. Sein Unmut über das neue Domfenster war so groß, dass er gar seinen Bischofsstuhl an einen anderen Platz im Dom versetzen wollte.

Das erste Südfassadenfenster, ein Geschenk des preußischen Königshauses, wurde 1863 eingesetzt und zeigte die Standfiguren von je drei heiligen Herrschern und Bischöfen. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, ersetzte man es 1948 durch eine farblose Ornamentverglasung. Obgleich diese als zu hell empfunden wurde, blieb sie bis zum Beschluss des Domkapitels zu ihrer Neugestaltung erhalten. Auf die Ausschreibung eines Wettbewerbs für den besten Fensterentwurf folgten zahlreiche Vorschläge, die jedoch alle abgelehnt wurden. Schließlich wurde der Entwurf Richters, der nur auf persönliche Bitte der damaligen Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner an der Ausschreibung teilgenommen hatte, im Jahr 2005 einstimmig vom Domkapitel angenommen. Die Arbeiten wurden durch Spenden finanziert.

Auf einer Fläche von 106 m² platzierte Richter insgesamt 11263 gleich große Quadrate mit einer Seitenlänge von 9,6 cm aus mundgeblasenem, farbigem Echt-Antikglas. Die Anordnung der 72 verschiedene Farbtöne umfassenden Glaskacheln erfolgte unter Verwendung eines Zufallsgenerators. Erst auf den zweiten Blick lässt sich innerhalb dieser vermeintlich willkürlichen Anordnung eine Form der Symmetrie erkennen. So wiederholt sich die Farbplatzierung der Fensterhälften, indem sich jeweils die erste und die dritte, die zweite und die fünfte sowie die vierte und die sechste der insgesamt sechs Fensterlangbahnen in ihrer Farbanordnung entsprechen. Die farbliche Gestaltung des Richter-Fensters entfaltet je nach Lichteinfall eine andere Wirkung und erinnert mit ihren strahlenden Farbpixeln an Werke des Impressionismus. Obgleich das Fenster mit seiner abstrakten Form zunächst im Kontrast zu den anderen Fenstern des Doms zu stehen scheint, steht es nicht zuletzt durch seine aus den anderen Fenstern herausgelesenen Farbtöne in Relation zu diesen.

Heute versetzt das Farbenspiel des Südfassadenfensters Dombesucher in Erstaunen. Einst stark kritisiert, hat sich das abstrakte Kunstwerk Richters zu einem Besuchermagnet entwickelt. Ein auf die Enthüllung folgendes Angebot zu Arbeiten in der Kathedrale von Reims lehnte Richter ab. So bleibt sein buntes Werk ein Kölner Original.

A. Reuter