Chanukka – Hoffnungsvolles Licht spenden

Bild der 50. Woche - 16. Dezember bis 22. Dezember 2019

Jakob Steinhardt, Bethaus, 1915. Kreide, laviert, auf Papier, 13,5 x 21 cm, Köln, Museum Ludwig, Grafische Sammlung, Inv.-Nr. ML/Z 1961/042, Überweisung Wallraf-Richartz-Museum + Fondation Corboud 1976. (Foto: RBA Köln)

Alljährlich am 25. Tag des Monats Kislew beginnt das jüdische Chanukka-Fest. 2019 findet das sogenannte Lichterfest vom Abend des 22. bis zum 30. Dezember statt. Es ist eines der fröhlichen Feste des jüdischen Jahreszyklus und gedenkt der Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahre 3597 (164 v. Chr.). Gefeiert wird an den acht Tagen der Festlichkeiten ein Wunder: Nach dem erfolgreichen Makkabäer-Aufstand konnte die Herrschaft der Seleukiden im Heiligen Land beendet und der entweihte, jüdische Tempel zurückerobert werden. Dort war das ewige Licht jedoch erloschen und man hatte nur noch Öl für einen Tag übrig, die Herstellung von geweihtem Öl dauerte aber acht Tage. Wie durch ein Wunder brannte das Licht acht Tage bis zur Fertigstellung von neuem Öl.

In Gedenken an die Wiedereinweihung zündet man an dem acht- bzw. neunarmigen Leuchter – genannt Chanukkia – jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit eine weitere Kerze an, bis am letzten Abend alle Kerzen erleuchtet sind. Mindestens eine halbe Stunde soll das Licht brennen und währenddessen jede Arbeit ruhen. Statt gearbeitet wird gemeinsam gesungen, gebetet und gespielt. Die Kinder bekommen Süßigkeiten geschenkt und gegessen werden vor allem in Öl gebackene Speisen. Das Chanukka-Wunder soll die ganze Welt erleuchten und Hoffnung für Gegenwart und Zukunft spenden. Daher sind die Leuchten in der Regel prominent am Fenster platziert, sodass auch Vorbeikommende das Licht sehen können. Während Chanukka früher vor allem ein häusliches Fest war bei dem Freunde und Familien zusammen feiern, wird heutzutage auch in Synagogen und auf öffentlichen Plätzen das Lichterfest begangen.

Erinnerungen für eine gemeinsame Identität

Fokus von Chanukka ist das Zusammenkommen, das gemeinsame Feiern und das Gedenken an einen zentralen Moment der eigenen Geschichte. Im jüdischen Selbstverständnis spielt dieses Erinnern eine wichtige Rolle. Nur durch gemeinsame Erinnerung war es der jüdischen Kultur in der Diaspora möglich Traditionen, Gebote und Pflichten weiterzugeben. Gedenken ist daher auch heute noch ein bedeutendes Motiv im gelebten Glauben. Sowohl in den eigenen vier Wänden als auch im „Haus der Versammlung“ – der Synagoge – wird die Erinnerung an das Chanukka-Wunder wachgehalten.

Ein solches „Haus der Versammlung“ zeigt auch Jakob Steinhardts Kreide-Zeichnung „Bethaus“ aus dem Jahre 1915. Steinhardt gilt als einer der wichtigsten deutsch-jüdischen Künstler des 20. Jahrhunderts. Während des 1. Weltkriegs lernte er als junger Soldat in Litauen die Lebenswelt von ostjüdischen Gemeinden kennen. Diese Erfahrung prägte nicht nur sein Leben, sondern auch seine Kunst. Die Darstellung von jüdischem Leben wurde zu einem zentralen Motiv seines Oeuvres und wird als eine der überzeugendsten Abbildung des orthodoxen Judentums in östlichen Landgebieten gehandelt. Steinhardt, der 1933 mit seiner Familie aus Berlin nach Palästina floh und 1966 zu einem Ehrenbürger Israels ernannt wurde, hinterließ ein vielseitiges Werk. Inzwischen beherbergt das Jüdische Museum Berlin die weltweit, größte Sammlung seiner Bilder.

Stärke der Gemeinschaft

Im Gegensatz zum hoffnungsspendenden Chanukka-Licht wirkt Steinhardts Zeichnung düster und bedrohlich und passt damit in die Zeit der Entstehung, aber auch in sein eignes Weltbild. Steinhardt strebte mit seiner 1912 gegründeten Gruppe „Die Pathetiker“ ein neues Pathos an, das große Inhalte transportieren und nicht nur die ästhetischen Bedürfnisse einer kleinen Schicht befriedigen sollte. Seine Werke vor dem ersten Weltkrieg behandeln häufig den Weltuntergang, Pogrome und andere Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Damit sind seine Bilder als Mahnruf an die Menschlichkeit zu lesen und bildeten in der Regel eine inhumane Welt ab. Trotz der Düsternis seines „Bethaus“-Bildes, ist es gleichzeitig auch die Abbildung einer starken Gemeinschaft, die Kraft findet in der gemeinsamen Erinnerung und dem Ausleben der eigenen Religion. Damit passt das Bild auch zum Geist des Chanukka-Festes, das mit der Erinnerung an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels auch der Bewahrung vor Zurückdrängung gedenkt.

E. Butt