Gemütlich ist anders

Bild der 05. Woche - 3. Februar bis 9. Februar 2020

Gruppe Pentagon, Stapelstuhl „d8“, 1987, Foto: © DetlefSchumacher.com.

Sitzen auf Design-Klassikern ist keine leichte Sache. Der Stuhl „d8“ ist ein gutes Beispiel dafür: Er besteht aus rohem Stahl, weist nur eine Rundung im Übergang von der Rückenlehne zur Sitzfläche auf, ansonsten beherrschen schroffe Kanten und Knicke sein äußeres Erscheinungsbild. Selbst die schwarze oder rote Gummiauflage stellt eher ein gedankliches Bequemlichkeitsangebot dar, als das sie das längere Sitzen wirklich zum Vergnügen machte. Dennoch: Der „d8“ funktioniert und vereint gleich mehrere Sitzmöbeltypen. Er ist Armlehnstuhl, Kragstuhl und Stapelstuhl. Und gleichzeitig das einzige existente Gemeinschaftsobjekt der Gruppe Pentagon.

Pentagon war eigentlich keine Gruppe, sondern zunächst einmal der Name einer Möbelgalerie, die 1985 am Kölner Hansaring von Gerd Arens, Wolfgang Laubersheimer, Reinhard Müller, Ralph Sommer und Meyer Voggenreiter gegründet wurde. Als Produzentengalerie war Pentagon zu diesem Zeitpunkt in Köln einzigartig. Zwar gab es 1979 hier die von Gerd Schulz-Pilath gegründete Galerie Stilbruch, die Möbelunikate und Gemälde im Angebot hatte, diese musste allerdings nach einem Jahr wieder schließen. Mit der PENTAGON Möbelgalerie setzten die Gestalter auf eigene Entwürfe mit ungewöhnlichen Materialien: roher Stahl, Acrylglas, Draht, Stein und Neon. Und auf ungewohnte Lösungen für traditionelle Gestaltungsaufgaben. Die angebotene Möbelkunst bestand aus Unikaten oder bestenfalls Kleinserien. Mit Eröffnung der Galerie startete die Gruppe ein ebenfalls progressives Ausstellungsprogramm, zu dem sie Gestalter*innen einluden, die ähnlich neue Wege betreten hatten, wie sie selbst – Volker Albus, Andreas Brandolini, Möbel perdu, Jasper Morrison, Stiletto oder Siegfried Syniuga und wurden ihrerseits zu Ausstellungsbeteiligungen eingeladen.

Von zentraler Bedeutung war aber auch der eigene Stand, den die Pentagon Möbelgalerie jeweils im Januar auf der internationalen Kölner Möbelmesse betrieb. Dort wurde 1987 Michael Erlhoff, der im künstlerischen Beirat der documenta 8 war, auf die Fünf aufmerksam. Auf seine Empfehlung hin erhielten die Pentagonier von Manfred Schneckenburger, dem damaligen Leiter der gigantischen Kunstschau in Kassel, eine Einladung zur Teilnahme an der d8. Die Aufgabenstellung für Pentagon lautete, eine ehemalige Kasseler Diskothek für die 100 Tage der documenta in eine „Fête Permanente“, ein Künstlercafé zu verwandeln – bei denkbar knappem zeitlichen Vorlauf. Die Einladung erfolgte im März, die d8 eröffnete im Juni. Das daraus resultierende „Café Casino“ wurde von den Gruppenmitgliedern als Gemeinschaftsprojekt entwickelt, mehr noch, es zeichnete sich durch seinen durchgängigen Prozesscharakter aus. Gutes Beispiel ist die gerundete Sitzbank, aus deren Wandabwicklung der Stapelstuhl „d8“ entstand.

Das Café insgesamt war als benutzbares und funktionierendes Environment angelegt, das sich während der documenta zudem verändern sollte. Neben der Gesamtgestaltung des Cafés – vom individuellen Stehtisch bis zur Speisenkarte – integrierte die Gruppe dazu bereits Vorgefundenes wie die damals üblichen Wirtshaustische. Geschirr und Gläser wurden aus dem Sortiment namhafter Hersteller übernommen und mittels des Pentagon-Logos umfirmiert. Teil des Prozesses sollten auch die Besucher sein, die sich mittels eines computergestützten Informationssystems vernetzen und beteiligen sollten. Nicht jeder der Aspekte konnte aus Kostengründen realisiert werden, zentral blieb aber der umfassende Ideentransfer – sowohl innerhalb der Gruppe wie auch in der Interaktion mit den Gästen. Das aufsehenerregende Ende des Café Casino markierte schließlich die Zerstörung des d8-Stehtisches und der Sitzbank durch die Pentagonier selbst.

Geblieben ist der Stuhl. Er gehört zu den wichtigen Zeugen einer aufregenden Dekade in der deutschen Kunst- und Designgeschichte.

R. Rebbelmund