Von Kindermöbeln & Designgeschichte

Bild der 46. Woche - 18. November bis 24. November 2019

Richard Sapper, Marco Zanuso für Kartell S.p.A., Kinderstuhl „seggiolino 4999“, 1964 Mailand, Kunststoff Polyethylen. MAKK - Museum für Angewandte Kunst Köln. © Kartell S.p.A. (Foto: Carsten in der Elst)

Völlig unstrittig ist, dass Möbel für Kinder viel darüber aussagen, welche Haltung wir, die Erwachsenen, zu der Welt des Kindes einnehmen. Anhand des Kinderstuhls lässt sich zudem die Veränderung der gesellschaftlichen Situation von Kindern exemplarisch nachverfolgen.

Vom Luxusprodukt zur Massenware

Der Kinderstuhl nimmt in der Designgeschichte eine besondere Rolle ein: Der Stuhl ist einer der ältesten Möbelgattungen und bereits im Grab des Pharaos Tutanchamun hat man zwei Kinderstühle gefunden. Luxusstühle für wahr, aus Ebenholz mit Elfenbein, Golz und Bronze verziert. Diese Stühle waren mehr kleine Throne denn bequeme Sitzgelegenheiten. Sie sollten zeigen, welche wichtige Rolle dieses Kind besitzt – alle anderen Kinder, sowie die meisten Erwachsenen, saßen nämlich auf dem Boden.

Auch die erhaltenen Kindermöbel aus späteren Jahrhunderten zeigen uns ausschließlich Kindermöbel aus der Welt des Adels oder des gehobenen Bürgertums. Sie stellen verkleinerte Variationen von Erwachsenenstühle da. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts etablierte sich im Zuge der Industrialisierung sowie der erstarkenden Bedeutung der Pädagogik der Kinderstuhl als eigenständige Gattung der Gestaltung. In den Schreinerwerkstätten des Weimarer Bauhauses in den frühen zwanziger Jahren gehörten Kindermöbel und Spielzeuge zu den gefragtesten Produkten und verkauften sich sowohl an Einzelkäufer als auch an fortschrittliche Bildungsanstalten. Maria Montessori erklärte, Kindermöbel sollten nicht nur an die Größe der Kinder angepasst werden, sondern auch leicht und abwaschbar sein. Zudem weichkantig, damit man sich nicht daran verletzt.

Erstaunlich ist, dass es dennoch bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinweg keine wirkliche Weiterentwicklung des Kinderstuhles als eigene Gattung entwickelt hat: Kinderstühle von zum Beispiel Thonet oder Egon Eiermann sind lediglich Miniaturen des jeweiligen Models für Erwachsene. Ist das ein Zeichen dafür, dass man auch in dieser Zeit Kindheit nicht als eigenständiges Entwicklungsstadium des Menschen verstanden hat, sondern lediglich als eine Vorstufe zum Erwachsenenalter?

Mit Kunststoff zum kindgerechten Design

Der im MAKK ausgestellte Kinderstuhl entworfen von Richard Sapper und Marco Zanuso zeigt, welche Veränderungen in den 1960er Jahren das Design geprägt haben. Die Neuerung ging mit einer Materialentwicklung einher. Kunststoff eignete sich für sämtliche Aufgaben, die das Design von Kinderstühlen ausmacht. Er lässt sich bunt einfärben, ist leicht und abwaschbar. Kunststoff erlaubt zudem einen Formenreichtum, der die Fantasie der Kinder anregt. Anfangs war es jedoch noch schwierig, Stühle aus einem Spritzguss herzustellen. In ‚Design and Society’ berichtet Zanuso von dem Entstehungsprozess des Entwurfes:

„Im Zusammenhang mit einem Auftrag, Schulmöbel für die Stadt Mailand zu entwickeln, hatten wir für Grundschulen bereits mit einer verkleinerten, stapelbaren Version des Lambda experimentiert. Da Metallblech für diese Anwendung nicht geeignet war, suchten wir nach Alternativen zu diesem Material. Währenddessen sank der Preis für Polyethylen aufgrund des Auslaufens internationaler Patente, was völlig neue Möglichkeiten für uns eröffnete. Dieses neue Material führte zu einem Umdenken unsererseits hinsichtlich Form und Struktur des Stuhls (...). Das Endresultat, der Kinderstuhl, überraschte sogar uns: aufgrund der unterschiedlichen Möglichkeiten des Stapelns, die wir in Folge der Strukturanforderungen entwickelten und die sich aus der Verwendung des Polyethylens ergaben, hatten wir einen Stuhl entworfen, der auch ein Spielzeug war. Er regte die Fantasie von Kindern an, Burgen, Türme, Züge und Rutschen zu bauen. Gleichzeitig war er unzerstörbar - weich genug, um niemanden zu verletzen und trotzdem zu schwer, um geworfen zu werden.“

Dieser Stuhl hat somit Designgeschichte geschrieben, denn er war die erste bautechnische Anwendung von Polyethylenkunststoff in der Möbelindustrie. Zudem zeigt er uns die besondere Hinwendung zur Welt des Kindes ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in dem der Entwerfer klar macht, dass ein Stuhl für (kleinere) Kinder niemals nur eine Sitzgelegenheit, ein Möbel der Rast und Ruhe ist, sondern ein vielseitig einsetzbarer Gegenstand um in fantastische Welten zu flüchten oder diese zu bauen. Wer kann sich nicht daran erinnern, aus Stühlen, Decken und Kissen Höhlen, Flugmaschinen oder Piratenschiffe gebaut zu haben?

Der Kinderstuhl „seggiolino“ spiegelt die Erkenntnis, dass Kinder eben keine kleinen Erwachsenen sind, sondern Menschen mit eigenen Bedürfnissen und Interessen – das gemahnt uns am Internationalen Tag der Kinderrechte eine kindgerechte Umwelt, Gesellschaft und Politik zu schaffen.

A. Imig